In Cottbus und vielen anderen Regionen verschärft sich die Debatte um die Nutria. Das Nagetier wird oft als „Schädling” oder „invasive Art” stigmatisiert, dabei ist es in Wahrheit ein friedfertiger Bewohner unserer Gewässer, der weitaus mehr Mitgefühl verdient, als ihm derzeit entgegengebracht wird. In der Berichterstattung – etwa durch die Tagesschau oder den rbb – werden die Tiere häufig einseitig als „Problem“ für den Hochwasserschutz und die Uferstabilität dargestellt.
Dabei bleibt die ethische Perspektive meist auf der Strecke. Es ist an der Zeit, den Nutria nicht länger als invasiven Schädling, sondern als schützenswertes Lebewesen zu betrachten. Die aktuelle Jagdpraxis ist nicht nur grausam, sondern zeugt auch von einem veralteten Naturverständnis.
𝐃𝐞𝐫 𝐒𝐤𝐚𝐧𝐝𝐚𝐥 𝐝𝐞𝐫 „𝐒𝐜𝐡𝐰𝐚𝐧𝐳𝐩𝐫ä𝐦𝐢𝐞“
Besonders skandalös ist die Rückkehr zu archaischen Methoden: Das Wort „Schwanzprämie“, ein zutiefst ethikfernes Instrument, sollte in einer modernen Gesellschaft Abscheu hervorrufen. Im 21. Jahrhundert Kopfgelder auf Lebewesen auszusetzen, ist ein moralischer Offenbarungseid. Wenn für das Abtrennen und Vorlegen eines Körperteils tote Tiere mit Geld aufgewogen werden, ist das einer Bankrotterklärung gleichzusetzen. Diese Praxis degradiert fühlende Lebewesen zu reiner Kopfware, zum bloßen Abfallprodukt und setzt falsche Anreize, die einer respektvollen Koexistenz widersprechen. Eine solche Prämie ist kein Management-Instrument, sondern ein zivilisatorischer Rückschritt, der Gewalt gegen Tiere finanziell belohnt. Dabei wird ignoriert, dass Nutrias soziale und intelligente Tiere sind, die Schmerz und Angst empfinden. Genau wie wir Menschen auch.
𝐉𝐚𝐠𝐝 𝐢𝐬𝐭 𝐤𝐞𝐢𝐧𝐞 𝐋ö𝐬𝐮𝐧𝐠
Zudem löst die Jagd selbst das Problem nicht nachhaltig. Die hohe Fortpflanzungsrate der Nutrias wird dadurch nicht reduziert. Deshalb setzen wir uns für tierfreundliche Maßnahmen wie der Populationskontrolle ohne Einsatz von Tötungsmethoden ein. Das Ziel muss das Entwickeln eines friedlichen Miteinanders sein.
𝐖𝐞𝐠𝐞 𝐳𝐮𝐦 𝐟𝐫𝐢𝐞𝐝𝐥𝐢𝐜𝐡𝐞𝐧 𝐌𝐢𝐭𝐞𝐢𝐧𝐚𝐧𝐝𝐞𝐫
Wir sprechen uns daher für ein integriertes Wildtiermanagement aus. Anstelle von sinnloser Jagd und fehlender Nachhaltigkeit wäre ein Zusammenspiel bzw. Zusammenwirken verschiedener Alternativen nicht nur moralisch vertretbarer, sondern auch lösungsorientierter. Fressfeinde wie Füchse, Dachse oder Waschbären dürfen demnach nicht weiter bejagt werden. Das erhöht zumindest den Druck auf Jung-Nutrias. Auch Wölfe und Luchse sind Fressfeinde. Ebenso zählen Greifvögel wie Seeadler, Milane, Uhus, Graureiher und Störche dazu. Im Wasser lauern Welse. Hier ist bereits Potenzial an Fressfeinden vorhanden, das sich durch Schutz und Förderung noch gezielt ausbauen lässt.
Weitere erforderliche Maßnahmen wäre eine fachgerechte Umsiedlung der Tiere in unkritische Habitate sowie populationsmindernde Eingriffe wie Kastrationen oder sterilisierende Impfungen. Ergänzend ist der bauliche Schutz der Deiche durch Wühlmausschutzgitter und Steinschüttungen unerlässlich. Da Nutrias bevorzugt in der Nähe von Menschen ideale Lebensbedingungen vorfinden, ist es auch wichtig darauf zu achten, dass die Tiere nicht gezielt gefüttert werden und auch unsere Abfälle sicher und für Wildtiere unerreichbar gelagert werden, damit die Bestände nicht künstlich über das natürliche Maß hinaus anwachsen. Eine konsequente Aufklärung der Bevölkerung ist daher mitentscheidend und wirksamer als die Flinte.
𝐑𝐞𝐧𝐚𝐭𝐮𝐫𝐢𝐞𝐫𝐮𝐧𝐠
Der Nutria gehört mittlerweile zu unserer Gewässerlandschaft. Wenn wir den Gewässern mehr Raum geben, verteilen sich die Tiere natürlicher. Eine wilde Spree braucht keine „Regulierung“ durch den Menschen. Wir brauchen einen Masterplan, der auf ökologischer Vernunft und Tierethik basiert – weg von der blutigen „Schwanzprämie“, hin zu einem respektvollen Management, das Mensch und Tier Raum zum Leben lässt. Auch das Wort Invasiv sollte mit Bedacht verwendet werden, da es, gerade in der Jägersprache, eher missbraucht und mit „gefährlich“ oder „lästig“ gleichgesetzt wird.
Ein friedliches Zusammenleben ist möglich – wir müssen es nur wollen.
