Glaube, Liebe, Hoffnung – warum die agrarpolitische Wende in Greifswald beginnt

Kommentar von Robert Gabel (Mitglied der Bürgerschaft, Partei Mensch Umwelt Tierschutz):

Bislang wurden die Pachtverträge der städtischen Flächen – die weit über das eigentliche Stadtgebiet hinaus gehen – von der Verwaltung mehr oder weniger automatisch verlängert. Und zwar ohne nennenswerte ökologische oder soziale Kriterien für die Pächter.

Dies ist nun seit dem 05.11.2019 nach monatelangen und sehr intensiven Gesprächen und Diskussionsrunden mit den Landwirt*innen, Bürger*innen, Umweltschutzverbänden und der Verwaltung vorbei. Die radikalsten Forderungen mussten während dieses Prozesses fallen gelassen werden. So gibt es keinen kompletten Pestizidstopp und kein verbindliches Punktesystem, was ich sehr bedaure. Zudem werden zertifizierte Biolandwirte nicht grundsätzlich bevorzugt. Auch wird es weiterhin konventionelle Tierhaltung geben, aber immerhin ist – die für Vorpommern sowieso untypische – industrielle Massentierhaltung mit mehr als 2 Großvieheinheiten pro Hektar Anbaufläche nicht mehr möglich.

Vor dem Rathaus und im Bürgerschaftssaal versammelten sich rund 150 Bürger*innen, die eine deutliche Agrarwende forderten. Sie überreichten eine Petition des Bündnisses „Unser Land schafft Wandel“. Aber auch einige wenige Landwirte kamen und stellten klar, dass sie diesen Beschluss als Angriff auf ihren Beruf und ihre Traditionen sehen.

Robert Gabel plädierte in der Greifswalder Bürgerschaft für ökologische Pachtkriterien

Natürlich verstehe ich, dass Zukunftsängste bestehen, wenn ökologische Auflagen gemacht werden, obwohl der Markt für ökologische Produkte nicht voran kommt. Schuld ist insbesondere die EU-Agrarpolitik, denn sie könnte mit einer Umverteilung des Agrarbudgets systematische Veränderungen bewerkstelligen, so dass die Umstellung für die Landwirte leichter gemacht wird. Aber all das ist ja bereits in den beschlossenen Pachtkriterien berücksichtigt worden. Sie sind sehr weit interpretierbar und Pachtverlängerungen sind fast problemlos machbar, so dass die langfristige Planbarkeit, bspw. für große Investitionen, gewährleistet ist.

Aber dennoch muss ich deutlich erwidern, dass sowohl Konsument*innen als auch Landwirt*innen ebenfalls Zukunftsängsten ausgesetzt sind, wenn das Artensterben so drastisch voranschreitet wie bislang. Wir befinden uns im rasantesten Einbruch der Biodiversität der Erdgeschichte. Gibt es keine Bienen und andere Bestäuber mehr, ist Landwirtschaft in einigen Bereichen gar nicht mehr machbar!

Die Greifswalder Pachtkriterien sind daher in ihrem Kern eine Maßnahme zur Zukunftssicherung der hiesigen Landwirte. Das Scheinargument, das der CDU-Fraktionsvorsitzende Hochschild in der Debatte anführte, in Vorpommern gebe es keine Agrarindustrie, sondern nur mittlere und kleine Landwirtschaftsbetriebe, kann auch nicht überzeugen, denn der vorliegende Beschluss hat ja eben auch vorrangig das Ziel, genau diese Struktur zu bewahren und den Trend zu immer größeren Agrarkonzernen und Landgrabbing zu verhindern!

So herum hat es leider niemand der konservativen Seite der Bürgerschaft und Gästeplätze gesehen. Stattdessen die üblichen Sprüche, wie „in Greifswald wird die Welt nicht gerettet!“

Da kann ich nur erwidern, dass insbesondere die Christdemokraten sich christlichere Werte zu eigen machen sollten: Glaube, Liebe, Hoffnung. Glaubt an die Stärke unserer Stadt, denn das, was wir hier beschlossen haben, kann als ökologischer Meilenstein in der momentanen agrarpolitischen Debatte Ausstrahlungskraft haben – auf andere Kommunen und auch bis nach Brüssel! Liebt unsere Umwelt, denn sie ist die wichtigste Grundlage für unsere Wirtschaft und unsere Landwirtschaft! Und gebt denen Hoffnung, die von der Politik mutige Entscheidungen und neue Lösungen erwarten statt kurzfristige Besitzstandswahrung über alles zu stellen!

Die städtischen Flächen der Universitäts- und Hansestadt Greifswald

 

 

Siehe dazu auch unsere Pressemitteilung: Bürgerschaft Greifswald beschließt agrarpolitischen Meilenstein