PM: Tierschutz nach dem Prinzip „nicht schlimmer als CO₂“?

Tierschutz nach dem Prinzip „nicht schlimmer als CO₂“?

Tierschutzpartei kritisiert EU-Zulassung von Stickstoff-Leichtschaum zur Tötung von Schweinen und Hühnern

Deutschland, 30.08.2026 – Die PARTEI MENSCH KLIMA TIERSCHUTZ kritisiert die neue EU-Zulassung von Stickstoff-Leichtschaum zur Betäubung und Tötung von Schweinen und Hühnern scharf. Seit dem 6. August 2026 darf das Verfahren bei Schweinen mit einem Lebendgewicht zwischen 15 und 41 Kilogramm sowie bei Legehennen und Masthühnern eingesetzt werden. Die Zulassung gilt für Tötungen außerhalb der regulären Schlachtung, beispielsweise direkt in landwirtschaftlichen Betrieben und im Rahmen von Bestandsräumungen.

Bei dem Verfahren werden die noch wahrnehmungsfähigen Tiere in eigens dafür gebaute Container gebracht. Anschließend wird hoch expandierender Schaum eingebracht, der Stickstoff transportiert und den vorhandenen Sauerstoff verdrängt. Der Sauerstoffgehalt muss auf weniger als zwei Prozent abgesenkt werden. Die Tiere verlieren durch den Sauerstoffmangel das Bewusstsein und sterben. Vorgeschrieben ist eine Expositionsdauer von mindestens fünf Minuten bei Hühnern und sieben Minuten bei Schweinen.

„Nicht schlechter als eine bereits leidvolle Methode ist kein akzeptabler Tierschutzstandard. Schweine und Hühner sind fühlende Individuen und keine Produktionseinheiten, deren Tötung danach bewertet werden darf, wie effizient sie durchgeführt werden kann“, erklärt Dennis Landgraf, Bundesvorsitzender und Pressesprecher der Tierschutzpartei.

Besonders problematisch ist aus Sicht der Partei, dass für die Zulassung nicht nachgewiesen werden musste, dass die betroffenen Tiere vor Eintritt der Bewusstlosigkeit keine Schmerzen, Angst oder Atemnot erleben. Bewertet wurde stattdessen, ob das Verfahren ein mindestens gleichwertiges Tierschutzniveau wie bereits zugelassene Methoden erreicht.

Zu diesen Vergleichsverfahren gehört bei Schweinen ausgerechnet die Betäubung mit hohen CO₂-Konzentrationen. Diese gilt selbst als erhebliches Tierschutzproblem. Schweine können dabei vor dem Bewusstseinsverlust unter Angst, Schmerzen, Atemnot und sogenanntem Lufthunger leiden. Ein bereits leidvolles Verfahren als Referenz für die Zulassung einer neuen Tötungsmethode heranzuziehen, hält die Tierschutzpartei für grundsätzlich falsch.

Auch beim Stickstoff-Leichtschaum gibt es erhebliche Bedenken. Nach der wissenschaftlichen Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) reichen die vorhandenen Daten nicht aus, um zu bestätigen, dass Schweine vor Eintritt der Bewusstlosigkeit keine Schmerzen, Angst oder Atemnot erleben. In Untersuchungen wurden unter anderem Fluchtversuche beobachtet. Expertise for Animals verweist zudem darauf, dass Schweine in einer Untersuchung erst nach etwa 43 bis 76 Sekunden ihre Körperhaltung verloren. Die Tiere erleben damit einen wesentlichen Teil des Vorgangs noch bei Bewusstsein.

„Wenn ein Schwein versucht, aus einem Tötungscontainer zu fliehen, ist das kein technisches Detail. Es ist ein fühlendes Lebewesen, das versucht, einer für dieses Tier bedrohlichen Situation zu entkommen. Genau diese Perspektive muss endlich zum Ausgangspunkt politischer Entscheidungen werden“, so Landgraf.

Kritisch bewertet die Tierschutzpartei auch die wissenschaftliche Datenbasis. Nach Angaben von Expertise for Animals wurden in der EFSA-Bewertung lediglich zwei veröffentlichte Studien aus dem Antrag berücksichtigt. Eine zentrale, 2020 veröffentlichte Untersuchung zu Schweinen wurde durch die Tönnies Forschung gGmbH finanziert. Auch Tönnies Forschung selbst führt ein Forschungsprojekt zur Betäubung von Schlachtschweinen mit stickstoffgefülltem hochexpansivem Schaum auf.

Die Finanzierung einer Studie ist für sich genommen kein Beleg dafür, dass deren Ergebnisse falsch sind. Angesichts der wirtschaftlichen Interessen der Fleischindustrie und der Tragweite einer solchen Zulassung hält die Tierschutzpartei jedoch eine breite und insbesondere unabhängige wissenschaftliche Datenbasis für zwingend erforderlich.

„Wenn eine neue Tötungsmethode zugelassen wird, obwohl die wissenschaftliche Datenlage begrenzt ist und eine zentrale Studie durch Tönnies Forschung finanziert wurde, muss besonders kritisch hingesehen werden. Bei der Frage, ob Tiere möglicherweise Angst, Schmerzen oder Atemnot erleiden, dürfen wirtschaftliche Interessen niemals Vorrang haben“, erklärt Landgraf.

Besonders kritisch sieht die Partei den Einsatz solcher Verfahren im Zusammenhang mit Tierseuchen und Bestandsräumungen. Dass mehrere Tiere gleichzeitig getötet und dadurch Zeit und Personal eingespart werden können, darf nicht zum entscheidenden Maßstab werden. Vielmehr müsse grundsätzlich hinterfragt werden, warum Systeme mit großen Tierbeständen bestehen, in denen bei Seuchenausbrüchen innerhalb kurzer Zeit eine große Zahl fühlender Lebewesen getötet werden soll.

Die Tierschutzpartei fordert deshalb eine erneute kritische Überprüfung der Zulassung von Stickstoff-Leichtschaum, weitere unabhängige Forschung zu Schmerzen, Angst, Atemnot und Stress der betroffenen Tiere, die konsequente Anwendung des Vorsorgeprinzips sowie den schnellstmöglichen Ausstieg aus der hoch konzentrierten CO₂-Betäubung von Schweinen. Gleichzeitig müsse die industrielle Tierhaltung mit ihren großen Tierbeständen grundsätzlich überwunden werden.

Für die Tierschutzpartei geht die politische Forderung dabei über eine Verbesserung einzelner Tötungsverfahren hinaus. Tiere sind empfindungsfähige Individuen mit eigenen Interessen an Leben, körperlicher Unversehrtheit und Wohlbefinden. Diese Interessen müssen politisch und rechtlich ein deutlich größeres Gewicht erhalten.

„Tiere können keine Verordnungen anfechten, keine Beschwerden bei der EU-Kommission einreichen und nicht selbst für ihre Rechte demonstrieren. Deshalb braucht es eine politische Stimme, die ihre Interessen konsequent vertritt. Tierschutz darf nicht bedeuten, zwischen verschiedenen Formen vermeidbaren Leidens auszuwählen. Unser Ziel muss sein, dieses Leid zu verhindern und die elementaren Rechte der Tiere endlich ernst zu nehmen“, so Landgraf abschließend.

Pressekontakt:

PARTEI MENSCH KLIMA TIERSCHUTZ

Dennis Landgraf – Bundesvorsitzender und Pressesprecher

Tel.: +49 175 1231704