Statement zum 2. Jahrestag des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine

Zum zweiten Mal jährt sich der Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine – es ist der blutigste Krieg, den Europa nach 1945 erlebte. Obwohl der sich zuspitzende Konflikt zwischen Russland und der NATO, die Annektierung der Krim, der bereits zuvor schwelende bürgerkriegsähnliche Zustand im Donbass und die Äußerungen des russischen Präsidenten darauf hindeuteten, wurde ein offener Krieg von vielen westlichen Analysten bis zuletzt für unwahrscheinlich gehalten. Die Brachialität, mit der er am 24. Februar 2022 von russischer Seite losgetreten wurde, die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung unter Missachtung des humanitären Völkerrechts und die Skrupellosigkeit, mit der junge, oft schlecht ausgebildete Männer an die Front geschickt wurden, sorgte überall für Erschrecken und Fassungslosigkeit.

Auf Initiative des türkischen Präsidenten Erdogan kam es im März 2022 in der Türkei zu Friedensverhandlungen, doch erreicht wurde nicht einmal ein temporärer Waffenstillstand. Während die russische Armee zunächst große Landgewinne verzeichnete und von Norden aus bis kurz vor Kiew vordrang, konnten ukrainische Streitkräfte im April den Norden und einige Gebiete im Süden zurückerobern. Unterdessen nahmen die Russen die Großstadt Mariupol unter Dauerbeschuss und schnitten die Versorgung ab. Als die Stadt dann Mitte Mai eingenommen wurde, waren etwa 98 Prozent der Gebäude zerstört. Unterschiedlichen Angaben zufolge sind zwischen 8000 und 78.000 Menschen bei den russischen Angriffen getötet worden. Seither gab es einige langandauernde, verlustreiche Kämpfe um kleinere Städte (Bachmut, Awdijiwka), die mit ihrer völligen Zerstörung endeten.

Frontverschiebungen im großen Maßstab haben nicht mehr stattgefunden. Auch die von der Ukraine angekündigte Frühjahrsoffensive 2023 blieb erfolglos. Der Menschen- und Materialverschleiß dieses Krieges ist verheerend. Nach ukrainischer Zählung haben auf russischer Seite bisher 410.700 Soldaten ihr Leben gelassen, währen die Zahl der getöteten ukrainischen Soldaten mit „nur“ 31.000 angegeben wird. Die USA gehen von etwa 70.000 getöteten ukrainischen und 120.000 getöteten russischen Soldaten aus. Hinzu käme rund eine halbe Million Verwundeter. Überprüfbar sind diese Zahlen jedoch nicht. Die Chancen auf einen ukrainischen Sieg werden allgemein eher pessimistisch gesehen. Aber auch ein russischer Sieg ist nicht unbedingt wahrscheinlich. Laut einer Studie des European Council on Foreign Relations gehen die meisten Europäer davon aus, dass es früher oder später zu neuerlichen Verhandlungen kommen wird.

Gewaltig sind die Zerstörungen an Kriegsgerät und an ziviler Infrastruktur. Die Kosten für den Wiederaufbau der Ukraine werden mit 500 Milliarden angegeben. Amerikanische Analysten gehen gar von mehr als acht Billionen Dollar (acht Tausend Milliarden) aus.

Was viel zu wenig Beachtung findet, sind die immensen Umweltbelastungen, mit denen dieser Krieg einhergeht: Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine soll laut einer Studie bisher einen Klimaschaden verursacht haben, der mit dem Ausstoß von 150 Millionen Tonnen CO2 vergleichbar ist. Laut einer Greenpeace-Studie wurden drei Millionen Hektar Wald und 1,24 Millionen Hektar Naturschutzgebiete zerstört. Weitere Millionen Hektar Land sind durch Schweröl, durch Chemikalien, durch Blei, Quecksilber und Arsen dauerhaft verseucht.

Das Leid der Tiere, die sich in Gebieten aufhielten, die unter Beschuss standen, lässt sich nicht beziffern. Zehntausende Tiere sind allein nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms in den Fluten ertrunken. Schlimm steht es auch um die sogenannten „Nutztiere“: Millionen Legehennen, Rinder und Schafe blieben ihrem Schicksal überlassen und sind elendig gestorben.

Was dieser Krieg langfristig für Europa und die Welt bedeutet, lässt sich noch kaum erahnen. Klar ist, dass die Beziehungen zu Russland nachhaltig gestört sind. Und klar ist auch, dass Aufrüstung wieder ein Thema ist und allein bei uns zwei- oder dreistellige Milliardenbeträge verschlingen wird, die für andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens verloren sind. Wir werden in einer Zeit leben, die möglicherweise schlimmer sein wird, als die Zeit des kalten Krieges. Es wird lange dauern, bis der Glaube an eine friedvollere Welt zurückkehrt.