
PA „Antifaschismus und Demokratie“
Gegen jeden Antisemitismus
Wir als PARTEI MENSCH KLIMA TIERSCHUTZ sprechen uns mit aller Deutlichkeit und Unmissverständlichkeit gegen jede Form von Antisemitismus aus. Das betrifft insbesondere Aussagen, die Jüdinnen und Juden und das Judentum verunglimpfen, Stereotype reproduzieren, die Schuld an Verfolgung, Diskriminierung oder gar den Holocaust leugnen, relativieren oder umkehren. Das betrifft ebenso Aussagen, die einen angeblichen geheimen oder planmäßigen Verantwortungszusammenhang von Judentum und ökonomischen, politischen oder kulturellen Phänomenen der Moderne konstruieren. Wir als PARTEI MENSCH KLIMA TIERSCHUTZ stehen auf gegen solche gefährlichen und menschenverachtenden Tendenzen, die das Ziel haben, tatsächliche Verantwortlichkeiten in allen Bevölkerungsteilen zu verschleiern und einen Dualismus zwischen Volk auf der einen Seite und Täterschaft in Form eines antisemitischen Feindbilds auf der anderen Seite zu schaffen. Dazu sagen wir deutlich „nein!“ und setzen dagegen Aufklärung, Sachlichkeit und fundierte Kritik an den gesellschaftlichen Umständen und tatsächlichen Kausalitäten und Verstrickungen.
Gegen israelbezogenen Antisemitismus
2018 wurde das 70-jährige Bestehen des Zufluchtsortes von Jüdinnen und Juden weltweit, des Staates Israel, gefeiert. In Israel können die drei Bestandteile des Judentums – jüdische Religion, jüdisches Volk, jüdische Kultur – ohne systematische Diskriminierung und Pogrome selbstbestimmt existieren. Israel ist ein demokratisches Land, das Minderheiten Rechte gewährt, hohe soziale Standards hat – und dennoch drohen seit Bestehen mehrere Diktaturen damit, dieses kleine Land vernichten zu wollen.
Im folgenden soll der israelbezogene Antisemitismus und seine Entstehungsbedingungen nachgezeichnet und kritisch thematisiert werden. Für eine umfassende Darstellung des Nahostkonflikts ist diese Abhandlung nicht gedacht, wofür wir vertiefende Literatur empfehlen.
Kritik an der israelischen Regierung ist möglich und füllt auch jeden Tag alle Nachrichtenkanäle. Diskriminierung von Religionen, Menschen und Völkern muss überall kritisiert werden, in Israel, in den Autonomiegebieten, in den arabischen Nachbarländern, in allen Staaten. Kritik an der israelischen Regierung sollte aber sachlich fundiert und kein versteckter Antisemitismus sein. Sie soll keine doppelten Standards beinhalten, also Umstände kritisieren, die man an anderen Staaten als völlig normal ansieht oder nicht kritisieren würde. So gibt es zwar die Kategorie und den Begriff „Israelkritik“, aber beispielsweise keine dezidierte Marokkokritik, obwohl es dort Missstände gibt, von fehlenden Minderheitenrechten bis zur Besetzung der Westsahara. Und Kritik an Israel darf das Existenzrecht nicht infrage stellen, denn dieser Staat hat nicht nur ein Anrecht darauf, zu existieren, sondern ist als sicherer Zufluchtsort auch eine Notwendigkeit in dieser antisemitisch geprägten Welt. Während die UN sehr viele Resolutionen gegen Israel erlässt, fehlt vergleichbares Engagement gegenüber den weltweit zahlreichen Diktaturen und kriegführenden Staaten. Mehrere politische Kräfte und Regierungen äußerten in den letzten Jahrzehnten das Ziel, Israel in einem Krieg vernichten zu wollen – stets Regime, die von Menschenrechten wenig halten. Israel wurde daher zuweilen auch als Jude unter den Staaten empfunden, als das Land, das als Sündenbock und zur Ablenkung von eigenen Fehlern herhalten muss.
Wir als PARTEI MENSCH KLIMA TIERSCHUTZ stehen unumstößlich hinter dem Existenzrecht Israels. Wir möchten ein friedliches Miteinander aller Menschen, gleich welcher Herkunft. Eine Rückführung aller palästinensisch-arabischen Geflüchteten nach Israel würde jedoch wahrscheinlich zum Auslöschen des jüdischen Staates führen. Zudem ist im Gegenzug eine Rückwanderung der Jüdinnen und Juden in die muslimischen Länder, aus denen sie fast vollständig flüchteten und vertrieben wurden, undenkbar. Sie machen heute etwa die Hälfte der israelischen Bevölkerung aus und stehen in besonders hohem Maße hinter der derzeitigen Regierungspolitik. Eine Zweistaatenlösung aus einem demokratischen, multikulturellen Israel und einem demokratischen, multikulturellen Palästina, halten wir für ein realistisches Ziel, an dem sich alle Friedensbemühungen orientieren müssen.
Das Judentum hat eine lange Historie in Europa und ist in Deutschland ungefähr etwa genauso lange präsent und prägend wie das Christentum. Das Judentum ist integraler Bestandteil der Kultur, in der wir leben. Leider gehört zur Geschichte unseres Kulturkreises auch der Antisemitismus, der den Herrschenden allzu oft gelegen kam, um etwa von selbst geschaffenen Problemen abzulenken, Sündenböcke vorzeigen zu können oder bestimmte mit Stigmata besetzte Tätigkeiten auf sie abzuwälzen. So kam es immer wieder zu Pogromen und Vertreibungen, zu Massenmorden und unmenschlicher Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden Europas. Seit Jahrhunderten hatte das Judentum keinen eigenen Staat, kein eigenes Militär, nicht einmal eine eigene Polizei, sondern war in allen Ländern eine religiöse, kulturelle und ethnische Minderheit, die sich den jeweiligen Gesetzen unterwarf und im Gegensatz zu Christentum und Islam grundsätzlich nicht missionierte. Mit dem Holocaust aber wurde ein nie geahnter Höhepunkt des Antisemitismus geschichtliche Wirklichkeit und sämtliche Pläne und Träume, dass Jüdinnen und Juden nach und nach eine harmonisch gelebte Gleichberechtigung zwischen den Christen erreichen könnten, wurden für nicht realisierbar erachtet.
Die gesamte Welt war zu jener Zeit zutiefst antisemitisch eingestellt: auf der Konferenz von Evian 1938 kamen die Regierungen zusammen, um über das Problem der unterdrückten und flüchtenden Jüdinnen und Juden aus Hitler-Deutschland zu beraten und die erschütternde Bilanz war, dass nur zwei kleine lateinamerikanische Länder bereit waren, fliehende Jüdinnen und Juden aufzunehmen (und selbst diese Vorhaben wurden nicht wie angekündigt eingelöst). Der Rest war passiv oder gar später aktiv am Auslöschungsversuch an den europäischen Jüdinnen und Juden beteiligt. Vor dem Hintergrund dieser Situation gab es nur eine Möglichkeit, um die überlebenden Jüdinnen und Juden in eine Sicherheit zu überführen, die sie selbst auch als sicher ansehen können: einen eigenen Staat etablieren.
Das Land war vier Jahrhunderte zuvor vom Osmanischen Reich erobert und besetzt worden und auch Jüdinnen und Juden lebten hier traditionell, insbesondere in Jerusalem. Infolge der Beteiligung des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg kam das Gebiet als Völkerbundmandat an Großbritannien mit dem Auftrag, unter Wahrung der Rechte der bereits ansässigen Bevölkerung, eine jüdische Heimstatt perspektivisch zu errichten. Großbritannien trennte zunächst den östlichen Teil ab, der heute das Königreich Jordanien ist und für die arabische Bevölkerung vorgesehen wurde.
Allerdings blieb die Umsetzung der Planungen eines jüdischen Staates aus. Stattdessen verfolgte Großbritannien eine unklare Politik, die zwischen Versprechen in Richtung eines jüdischen Staates und aktiver Verhinderung einer jüdischen Heimstatt lavierte. Dennoch war das britische Mandatsgebiet ein Einwanderungsziel geworden, sowohl für jüdische als auch muslimische Menschen, bis 1939 die Einwanderung weitestgehend unterbunden wurde.
Der Zionismus als politische Idee verfolgte das Ziel eines dezidiert jüdischen Staates, was über viele Jahrzehnte hinweg nur von wenigen jüdischen Menschen auch praktisch angestrebt wurde, da sie sich vorrangig für eine Gleichberechtigung in Europa oder auch den Ländern Nord- und Südamerikas einsetzen wollten. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg, durch die grauenhafte Gewissheit, dass die europäischen Jüdinnen und Juden Opfer eines industriell ausgeführten Genozids wurden, begannen die Planungen dieses Mal ernsthaft und mit breiter Unterstützung eines großen Teils der Jüdinnen und Juden weltweit.
Sowohl die Sowjetunion als auch die Vereinigten Staaten sowie eine Mehrheit der Vereinten Nationen stimmten für den Teilungsplan, für den der westliche Teil des Mandatsgebiets nochmals zweigeteilt wurde (Großbritannien selbst enthielt sich jedoch) und insbesondere die Wüsten- sowie Malariagebiete den jüdischen Teil ausmachten. Dennoch stimmte die jüdische Seite dieser nochmaligen Teilung zu, während die arabische Seite ablehnte.
Insbesondere die Partnerschaft der Nationalsozialisten mit einzelnen arabischen Führern, der erbitterte Kampf der arabischen Kräfte gegen die einwandernden Jüdinnen und Juden, die generelle Ablehnung einer jüdischen Mehrheit in Palästina sowie die teils gezielte Vertreibung der arabischen Bevölkerung führten jedoch zum bis heute andauernden Nahostkonflikt. Die Gründung Israels war daher auch mit viel Leid und Unrecht (differenziertere Darlegung zur Nakba hier) für die Bevölkerung verbunden, was zur Zeit der ursprünglichen Vision einer jüdischen Heimstatt zwar teils prognostiziert, teils aber auch verdrängt oder als unwahrscheinlich angesehen worden war.
Die arabischen Länder – auch solche, die keine gemeinsame Grenze mit Israel haben – griffen das neue Land direkt nach seiner Gründung mit dem Ziel der Vernichtung an, was auch angesichts solcher Ankündigungen und Rhetoriken als Versuch einer Vollendung des Holocausts verstanden werden musste. Insbesondere die militärische Unterstützung der Tschechoslowakei ermöglichte das Überleben des jungen Staates Israel in seinen ersten Tagen und Wochen. Auf arabischer Seite versuchten Nazis weiterhin, gegen den jüdischen Staat zu kämpfen.
Neben gezielten Vertreibungen führten zum geringeren Teil aber auch Aufrufe arabischer Seite, das Land zu verlassen, so dass der Vernichtungskrieg ohne verbündete Verluste vonstatten gehen konnte, sowie Fluchtbewegungen aus Angst vor dem Kriegsgeschehen zu einer Massenauswanderung der arabischen Bevölkerung. Die größeren Fluchtströme fanden während und nach dem versuchten Vernichtungskrieg statt, als die Option eines friedlichen Zusammenlebens immer unwahrscheinlicher geworden war. Die Nachkommen derjenigen, die vertrieben wurden oder flüchteten, müssen teils bis heute in Flüchtlingslagern der Autonomiegebiete und angrenzenden arabischen Länder leben und werden in diesen Ländern oftmals gezielt diskriminiert. Auch in der Zeit als Westjordanland und Gaza zu Jordanien und Ägypten gehörten, wurde den Palästinensern übrigens ein eigener Staat verwehrt. In Jordanien gab es sogar einen verlustreichen innerstaatlichen Krieg zwischen palästinensischen und jordanischen Kräften.
Das Leid der Palästinenserinnen und Palästinenser wird von vielen Seiten instrumentalisiert und stetig weiter verschärft. Ihre Integration in die arabischen Gesellschaften der Nachbarländer wird großteils verweigert, während in Israel bis heute 20 % der Einwohnenden arabisch sind. Ihr Lebensstandard ist vergleichsweise hoch, doch beklagen sie immer wieder Diskriminierung. Ein Schicksal, das auch Jüdinnen und Juden selbst betrifft, etwa wenn sie erst kürzlich einwanderten, etwa aus Äthiopien. Auch wird sehr oft kritisiert, dass jüdische Gemeinden im Westjordanland existieren und ausgebaut werden, was mehrheitlich als völkerrechtswidrig angesehen wird. Ebenso kann durchaus kritisiert werden, dass in den Auseinandersetzungen zwischen Hamas bzw. Hisbollah und Israel die zivilen Opfer ungleich verteilt sind. Aber die Frage, ob es überhaupt richtig ist, Israel über Jahrzehnte hinweg mit tausenden Raketen anzugreifen, um so militärische Operationen zu provozieren, wird nur selten gestellt.
Statements der PARTEI MENSCH KLIMA TIERSCHUTZ zum Nahostkonflikt sind hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier sowie hier nachzulesen.
Gegen strukturellen Antisemitismus
Die Überschrift dieser Seite kann zu Irritationen führen, denn weshalb sollte es denn mehrere Antisemitismen geben? Die Debatte darüber, was Antisemitismus ist und welche verschiedenen Formen es gibt, wird intensiv geführt, aber verfehlt fast immer den eigentlichen Kern des Problems. Dieses liegt darin, dass viele Positionen und Aussagen per se und isoliert gar nicht antisemitisch sind, aber dennoch als solche wahrgenommen werden oder gemeint sein können. Zu beurteilen wäre die Einschätzung anhand des Kontexts des Gesagten, an der eigentlichen Intention der aussagenden Personen sowie vor allem an der in gewisser Weise antisemitisch vorstrukturierten Gesellschaft, in der wir leben.
Beispiele: A) Ist eine UN-Resolution gegen Israel antisemitisch? Nein. Warum werden sie aber als solche zuweilen angesehen? Weil die UN bedeutend mehr Resolutionen gegen Israel beschlossen hat als gegen alle anderen Staaten, obwohl in diesen Staaten die Repressionen gegen deren Bevölkerung sowie die Todesopfer viel häufigeren Anlass für ein Tätigwerden der UN geben könnten.
Die Begriffe „Siederkolonialismus“ und „Apartheid“ werden beispielsweise auch sehr oft im Zusammenhang mit Israel verwendet. B) „Siedlerkolonialismus“ hat ein sehr weites Assoziationsfeld zwischen Gartenkolonien bis hin zu brutalsten Massenmorden im Zusammenhang mit europäischem Kolonialismus. Und genau dies machen sich antisemitisch eingestellte Kräfte zunutze, indem sie gezielt diesen Begriff verwenden. Die israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten sind allein schon aus juristischer Sicht kritisierbar, aber die Assoziation mit Kolonialismus ist teils intendiert, da Jüdinnen und Juden nicht als einheimische Bevölkerung, sondern als feindlicher Fremdkörper analog zu den europäischen Kolonialmächten geframet werden sollen. Und zwar bewusst auch auf Israel bezogen, nicht nur auf die besetzten Gebiete. Die mehrfache Doppeldeutigkeit hat hier also eine zentrale Funktion, indem legitime Kritik ein Wording erhält, das anschlussfähig ist und zugleich antisemitisch motivierte Zuschreibungen möglichst breite Verwendung finden. C) Der Begriff „Apartheid“ soll die Schlechterbehandlung der palästinensischen Bevölkerung beschreiben und dabei an die erfolgreichen Kampagnen gegen Südafrika anknüpfen. Der Unterschied ist jedoch, dass die Apartheid innerhalb Südafrikas stattfand, während die israelische Situation die besetzten Gebiete betreffen. Diese wiederum sind aufgrund von Kriegshandlungen gegen Israel besetzt und die Trennung von palästinensischer sowie jüdischer Bevölkerung erfolgt nicht aufgrund von Rassismus, sondern aufgrund von Verhandlungsergebnissen beider Seiten und militärischer Konfrontation. „Apartheid“ kann daher ein Kampfbegriff sein, um Israel analog zum gestürzten Regime Südafrikas zu dämonisieren. Gleichwohl kann der Begriff aber auch eine analytische Kategorie kritisierbarer Zustände sein.
D) Der aktuelle Krieg in Gaza zeigt es ebenfalls auf: ist Kritik am israelischen Vorgehen antisemitisch? Natürlich nicht und die Medien sind voll von Kritik diesbezüglich. Aber woran liegt es, dass der gleichzeitig stattfindende Krieg im Sudan, der deutlich mehr Opfer zu beklagen hat, von den Medien ignoriert und von entsprechender Kritik an den beteiligten Mächten wenig bis nichts zu vernehmen ist? Die Antwort auf diese Frage ruft ihrerseits wiederum Kritik und Missverständnisse hervor, da sie eine Prämissensetzung voraussetzt, die schwer zu akzeptieren ist: dass die Weltgesellschaft als solche bereits einer antisemitisch gestrickten Grundstruktur unterliegt, derer man sich nicht bewusst ist, solange man sich nicht eingehend und intensiv mit der Geschichte des Antisemitismus und seiner gesellschaftlichen Funktion als Weltdeutungsansatz beschäftigt hat.
Allzuoft werden die Erklärungen, warum man etwas als antisemitisch betrachtet, auch ganz weggelassen und einfach nur parolenhafte Statements gesetzt, sodass eine Verständigung nicht mehr möglich ist. Übrig bleibt dann die unzutreffende Behauptung, man dürfe Israel nicht kritisieren, was faktisch falsch ist, denn vielmehr ist Israel mit das am meisten kritisierte Land der Welt. Die Behauptung, man dürfe Israel nicht kritisieren, kann als antisemitisch gelten, da die Prämisse nur mit antisemitischen Verschwörungsmythen überhaupt funktionieren kann. Zugleich aber kommt es vor, dass legitime Kritik als antisemitisch zurückgewiesen wird. Ursache ist, dass auf verschiedenen Ebenen argumentiert wird und dass beide Seiten natürlich auch jeweils instrumentalisierend agieren können. So bleiben allzuoft Menschen, denen Antisemitismus vorgeworfen wird, und Menschen, die eigentlich nur die konkret gewordenen Auswirkungen des strukturellen Antisemitismus kritisieren, in einem unversöhnlich erscheinenden Konflikt miteinander.
Was ist also struktureller Antisemitismus? In der allgemeinen Definition ist damit die Verwendung von Begriffen gemeint, die nur vor dem Hintergrund antisemitischer Stereotypen ihre volle kontextuale Bedeutung haben. Diese kann im Einzelfall gar nicht mitgemeint sein wollen, aber das Problem existiert. Die bekanntesten Beispiele kommen aus der Wirtschaftswelt; struktureller Antisemitismus bedient sich beispielsweise bestimmter Denkfiguren, die die Verantwortlichkeit für kapitalistische Wirkmechanismen einer angeblich spezifisch jüdischen Beteiligung zuschreibt.
So wird zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital unterschieden und lediglich letzterem eine schädliche Wirkung zugeschrieben, die wiederum mit jüdischen Personen assoziert wird. Dies geht mit alten antisemitischen Einstellungen einher, die dem „Volkskörper“ die Minderheit der Jüdinnen und Juden entgegengesetzten und insbesondere im Vorwurf rund um Wucherzinsen eine Möglichkeit konstruierten, christliche Geldverleiher als Norm und jüdische Geldverleiher als schädliche Abweichung von der Norm in der Bevölkerung zu verankern. Die historische Wirklichkeit war jedoch dergestalt, dass jüdische Geldverleiher teils eher niedrigere Zinsen verlangten, es aber zumeist einfach gesetzlich vorgeschriebene Zinshöhen gab.
Weitere Beispiele, wie Phänomene in Norm und Jüdisches geteilt wurden, gab und gibt es in sämtlichen Lebensbereichen, insbesondere auch in der Wissenschaft. So entwickelten insbesondere die Nationalsozialisten germanische Physik, germanische Medizin etc., da sie die Naturwissenschaften als jüdisch dominiert, oder vielmehr als jüdisch manipuliert, ansahen. Anhand solcher historischer Entwicklungen sieht man besonders deutlich, auf welche Irrwege der Antisemitismus führte – denn weder die germanische Physik, noch die germanische Medizin, waren auch nur ansatzweise wissenschaftlich korrekter oder überhaupt notwendig.
Struktureller Antisemitismus setzt bei der fortwährenden Existenz all dieser bereits im kollektiven Gedächtnis verankerten diskriminierenden Stereotype und ihrer daraus folgenden Irrwege an. So braucht es gar keine explizite Erwähnung von Jüdinnen und Juden, sondern nur sogenannte „dog whistles“, also bestimmte sprachliche Codes, oder im Kopf der Menschen zu erzeugende Bilder, die sich von Generation zu Generation festsetzen sollen. Dass Jüdinnen und Juden das dahinter liegende Feindbild sind, braucht nicht mit erwähnt werden. Teilweise werden sogar bewusst nichtjüdische Personen oder Konstrukte kontextualisiert, wenn etwa Rockefeller oder Merkel als „jüdisch“ beschrieben werden oder „Echsenmenschen“ hinter allem stecken sollen. Für den strukturellen Antisemitismus ist also nachrangig, ob konkrete jüdische Menschen direkt genannt oder diskriminiert werden. Dafür sind die antisemitischen Grundstrukturen der Gesellschaft viel zu präsent – es müssen lediglich die ohnehin bereits existierenden Narrative reproduziert werden. Auf die zunächst offen gelassene Antwort, dass „die Juden“ gemeint sind, werden die Menschen dann noch kommen, so das antisemitische Kalkül dahinter, was insbesondere in Krisenzeiten dann verstärkt zu beobachten ist.
Die Erklärung, weshalb es überhaupt Antisemitismus gibt und was dieser eigentlich in seiner Kernessenz ist, bedarf historischer Ausführungen, die hier nur kurz angerissen werden können. Das Judentum war das erste monotheistische Religionssystem, bei dem also nicht verschiedene Gottheiten und Geister angenommen wurden. Dies war ein revolutionär neues Verständnis vom Sein und von der Beziehung zwischen menschlichem Verstand und dem Sein. Dieses neue Verständnis sollte mit dazu beitragen, dass man interpersonell von genau einer Realität sowie Metaphysik ausgehen kann, was wiederum einen Anteil an der sich damals entwickelnden Anerkenntnis von wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen hatte.
Christentum und Islam entstanden aus dem Judentum, aber mit einem großen Unterschied: beide missionierten, während das Judentum darauf verzichtete. Dies führte zu einer unheilvollen Dynamik: Jüdinnen und Juden weigerten sich, zu konvertieren und zugleich knüpften religiöse Fanatiker die Gültigkeit ihrer religiösen Wahrheit daran, dass möglichst viele Menschen konvertiert werden können. Die beharrliche Weigerung des Judentums, in Christentum oder Islam aufzugehen, konnte also seitens christlichen und muslimischen Kräften als Akt gegen die religiöse Wahrheit angesehen werden.
Zugleich lebten Jüdinnen und Juden ausgegrenzt unter sich, was sie überall mehr oder weniger zu als fremd wahrgenommenen Menschen machte. Da ihnen aufgrund zahlreicher Diskriminierungen einige Berufe verwehrt wurden, ergriffen sie mitunter Berufe, die in der Mehrheitsbevölkerung nicht angesehen waren oder als unmoralisch galten. Daraus wiederum entstanden Vorurteile und Mythen, etwa dass jüdische Geldverleiher in böser Absicht besonders hohe Wucherzinsen verlangen würden und dass Jüdinnen und Juden grundsätzlich ihr Geld mit dem Geldverleih verdienen würden. Mit der Realität hat beides nichts zu tun – die größten Geldverleiher waren zudem die christlichen Welser und Fugger. Was tatsächlich stimmt, ist lediglich, dass sie etwas überproportional öfter in Berufen tätig waren, die mit Geld zu tun hatten, etwa Steuereintreibung oder eben Geldverleih.
Was ebenso zu Vorurteilen führte, war der Umstand, dass im Judentum Bildung einen bedeutend höheren Stellenwert einnahm als im Christentum oder Islam. Der Unterschied ist heutzutage aufgrund von genereller Alphabetisierung und Schulpflicht nicht mehr so stark, aber in früheren Zeiten führte dieser Unterschied zu Verdächtigungen aller Art und, zusammen mit vielen weiteren sozioökonomischen sowie religiösen Vorurteilen und Hassprojektion, auch zu vielen tödlichen Pogromen. Im Nationalsozialismus steigerte sich dies im Rahmen einer Beschuldigung gegenüber Jüdinnen und Juden, sie würden sich gegen die Menschheit verschworen haben, indem sie Kapitalismus, Kommunismus, sowie die Moderne als solche gar, verantworten würden, zum biologistisch begründeten Vernichtungsantisemitismus der Shoah.
Gegen evangelikalen Antisemitismus
Der moderne christlich-fundamentalistische Antisemitismus ist geprägt durch ein ambivalentes Verhältnis zum Judentum, das toxisch übersteigerten Philosemitismus, Israelunterstützung, Judenmissionierung und biblische Endzeiterwartungen mit antisemitischen Elementen vereint. Das Phänomen ist aus zwei Gründen von sehr großer Bedeutung:
1. Der aktuelle US-Präsident stützt sich maßgeblich auf diese evangelikalen Kräfte in seinem Land, hat aus diesen Kreisen auch Regierungsmitglieder in die Administration geholt. Die aktuellen gemeinsam mit Israel durchgeführten Militäreinsätze im Nahen Osten basieren mit auf diesen evangelikalen Überzeugungen.
2. Weltweit vertieft dies die Ausrichtung rechter Parteien entlang der Unterstützung israelischer Politik, und zugleich gehen linke Parteien umso stärker in Opposition zur israelischen Regierung, sodass die bereits durch den Sechstagekrieg großteils aufgekündigte Verknüpfung der als links geltenden globalen Kräfte mit tiefer Israelsolidarität immer stärker in den Hintergrund gerät. Die weltweite Ausrichtung rechter Parteien zugunsten der aktuellen Regierung in Israel geht allerding nicht mit einer Abkehr der alten antisemitischen Grundeinstellungen bei nationalistisch und rechtskonservativ eingestellten Menschen einher – auch nicht in Bezug auf Israel. Im Effekt bedeutet dies zwar einen starken und realen, insbesondere militärischen, Rückhalt Israels, aber womöglich eben auf Kosten eines zunehmenden Antisemitismus bei der Linken bei zugleich weiterhin erhöhten Antisemitismuswerten bei der Rechten.
Der evangelikale Antisemitismus ist daher eine besondere Bedrohung für das Judentum, da er die todbringende Eskalation im Nahen Osten zum offenen Ziel erklärt, jüdische Menschen in ihrem Jüdischsein nicht anerkennt, sich zugleich als Philosemitismus ausgibt und Israel aufgrund der permanenten Bedrohungslage zugleich dazu bringt, ökonomische und militärische Kooperationen bis hin zu Abhängigkeitsverhältnissen auszubauen. Die damit einhergehenden mutmaßlichen und erwiesenen Völkerrechtsbrüche, Kriegsverbrechen und auch steigenden Gefahren für jüdische Menschen weltweit werden zurecht kritisiert. Daher ist es ein Dilemma für linke Israelunterstützende, da Jüdinnen und Juden ihre Form der Abwehr der Bedrohungslage selbstbestimmt wählen können müssen, man aber zugleich die sich genau dadurch ergebenden Risiken und Schäden als zu vermeiden einschätzt.
Kann ein Antisemitismus, der von Jüdinnen und Juden als wichtigster Partner im Überlebenskampf gesehen wird, überhaupt ein Antisemitismus sein? Diese Antwort muss offen bleiben, da sie sich nicht im Hier und Jetzt, sondern in der durch menschliche Glaubensentscheidungen geschaffenen Geschichte offenbaren wird. Diese Offenheit muss ausgehalten werden und führt zur analytischen Einordnung des modernen christlich-fundamentalistischen proisraelischen Antisemitismus als zugleich Bewahrung und Bedrohung jüdischer Existenz.