Tierethik

Über Moral und Scheinheiligkeit

„ZeitenWENDE“ (Ausgabe 32 / 2008)
Stefan Bernhard Eck

Nach jeder Fernseh-Reportage und jedem Zeitungsbericht über schockierende Missstände in der Massentierhaltung ist ein Aufschrei der Empörung zu vernehmen. Unsere tierlieben Mitbürgerinnen und Mitbürger empfinden plötzlich tiefes Mitleid mit der geschundenen Kreatur, denn sie haben wieder einmal einen kurzen Blick hinter die Mauern der Tier-KZs werfen können. In solchen Augenblicken regt sich bei vielen das schlechte Gewissen, weil ihnen bewusst wird, dass die Tiere zu Produktionseinheiten und zur Massenware degradiert und dementsprechend behandelt werden. So mancher Zeitgenosse grübelt dann darüber nach, was mittlerweile Bild-Zeitung, Spiegel und das Magazin „Emma“ in regelmäßigen Abständen anklingen lassen: Vielleicht empfinden Tiere ihr physisches und psychisches Leid ähnlich wie wir, vielleicht ist das Seelenleben der Tiere komplexer als bislang angenommen!

Die Gefühlsaufwallung der meisten „Tierfreunde“ ist jedoch – objektiv betrachtet – entweder nur gespieltes Mitleid und daher scheinheilig, oder es handelt sich schlicht um eine psychopathische Auffälligkeit. Denn die KonsumentInnen wissen doch heute, unter welchen Bedingungen ihre Steaks, Grillwürste und Frühstückseier „produziert“ wurden. In der Massentierhaltung ist lebenslanges Leiden für die sogenannten Nutz-Tiere die Regel. Am Ende der ihnen zugestandenen kurzen Lebensspanne werden sie abgeschlachtet. Diesem gewaltsamen Tod gehen oft noch Stunden qualvoller Todesahnung und Panik voraus, wie man aus entsprechenden Berichten weiß.

Ohne die schockierenden Bilder und Berichterstattungen stellt sich für kaum einen Fleisch, Käse und Eier essenden Menschen die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit des Mega-Mordes an Bruder Tier für eine kurze Gaumenfreude. Auf Mitleid wartet man vergebens!

Wie Brecht formulierte, kommt zuerst das Fressen und dann die Moral, obwohl im Zeitalter der totalen Information die Frage der Moral eigentlich vor dem Fraß stehen sollte. Fressen und Un-Moral sind inzwischen ein und dasselbe geworden, denn niemand kann mehr behaupten, er habe von alledem nichts gewusst – von dem Grauen, das sich in unserem Unrechtssystem Tag und Nacht in Tierfabriken und Schlachthöfen abspielt.

„Niemand“, so steht es in § 1 des deutschen Tierschutzgesetzes, „darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Unbestreitbar dürfte aber sein, dass der gewaltsame und vorzeitige Tod den maximalen Schaden für das betreffende Tier darstellt. Als „vernünftiger Grund“ muss der anschließende Fleischverzehr herhalten.

Ob es wirklich „vernünftig“ ist, Jahr für Jahr zig Millionen Tiere umzubringen, damit ihre Leichenteile später auf dem Teller landen, wird in der „Fleisch-fressenden Zivilisation“ – weil ein Tabuthema – nicht hinterfragt. Es ist ein unantastbarer Glaubensgrundsatz in unserer „Fraßkultur“, dass Fleischessen dazugehört, was vom christlichen Dogma noch zusätzlich legitimiert wird: Tiere haben dem Menschen als Nahrung zu dienen! Der Verzehr von Fleisch war schon immer mehr Kult als Kultur – angeblich gottgewollt. Und überdies verweist man auf die Tradition, der Mensch habe ja schon immer Fleisch gegessen, als ob Tradition ein Garant für Wahrheit und Gerechtigkeit sei. Nach dieser einfachen Formel wäre es – hätte Hitler den II. Weltkrieg gewonnen – heute wahrscheinlich Tradition, so schockierend es auch klingen mag, unsere jüdischen MitbürgerInnen in die Gaskammern zu schicken.

Einen evolutionären Zwang oder eine biologische Notwendigkeit, Fleisch zu essen, gibt es nicht. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht – das haben viele Studien belegt – braucht der Mensch kein Fleisch. Damit steht es heute jedermann frei, sich für eine wohlschmeckende und gesunde vegetarisch/vegane Ernährungsweise zu entscheiden. Es wäre eine zivilisatorische Weiterentwicklung für unsere Spezies, wenn sich Moral und Mitleid auf dem Teller widerspiegeln würden.

Wer tatsächlich Mitleid mit den Tieren hat, der isst sie nicht. Und wer Tiere isst, dem tun sie nicht leid.

Die vielen TierschützerInnen, die vom Fleisch nicht lassen können, sollten darüber einmal selbstkritisch nachdenken.