Alarmierender Rückgang der Pflanzen- und Tierarten

Das größte Artensterben seit vielen Millionen Jahren betrifft nicht nur Wirbeltiere

Tier- und Umweltschützer schlagen Alarm! Etliche Tierarten sind in ihrer Existenz gefährdet. Schweinswale, Sterntaucher, Samtenten, seltene Algen und Schmetterlinge sowie eine ganze Liste an weiteren bedrohten Tierarten, die kürzlich vorgestellt wurde. Der Hauptgrund ist insbesondere die übermäßige Düngung in der Landwirtschaft. Und diese wiederum lässt sich auf die Massentierhaltung zurückführen, da hier die Ursachen für zu viel, zu giftigen und zu billigen Dünger zu suchen sind.

Seit einiger Zeit gibt es zwar hunderte von Schutzgebieten, von denen einige wenige auch ein Übergreifen der gefährlichen Stoffe wie Phosphor oder Stickstoff in die Ostsee und Binnengewässer verhindern sollen. Aber es gibt überhaupt keine wirksamen Kontrollmechanismen, nichts wird von den notwendigen Vorgaben tatsächlich eingehalten. Und als wäre dies nicht schon gravierend genug, kommen noch weitere Umweltsünden hinzu, wie etwa massive Ölverschmutzungen durch Schiffe oder Plastikmüll und Mikroplastik.

Die Überfischung führt überdies zu dramatischen Eingriffen in das Ökosystem mit unabsehbaren Folgen. Zusätzlich kommen durch so genanntes Ballastwasser der Seeschifffahrt Arten in unsere Breiten die heimische Arten verdrängen können und das Ökosystem durcheinanderbringen. Aal und Dorsch sind beispielsweise mittlerweile sehr selten geworden, führt Corinna Cwielag vom BUND aus.

Forscher aus München haben den Rückgang der Artenvielfalt in einer sehr langfristig durchgeführten Studie anhand der Schmetterlinge nun genau ermitteln können: 1840 gab es noch 117 tagaktive Schmetterlingsarten in einer genau untersuchten Region, während es 2013 nur noch 71 Arten gab. Ein Rückgang von 40 % also (weitere Infos dazu bei der Senckenberg Gesellschaft in der Linkliste unter dem Artikeltext). Der mit Abstand größte Rückgang geschah dabei in den letzten Jahren und geht exponentiell weiter! Als Hauptgründe wird auch in dieser Studie wieder die Überdüngung angeführt, zudem konkret die Massentierhaltung, aber auch die Monokulturindustrie in der Landwirtschaft.

Letzteres macht auch den Wildbienen zu schaffen, deren Bestand sich drastisch reduziert hat. Eine aktuelle Studie wies zudem nach, dass bereits kleinste Mengen von Insektiziden aus der Gruppe der Neonikotinoide sowohl Wild- und Zuchtbienen als auch Schmetterlinge stark schädigen, so dass sie ihre Orientierung verlieren. Eine andere neuere Studie belegt, dass Neonikotinoide süchtig machende Stoffe enthalten und Bienen daher Blüten, die dieses Gift enthalten, häufiger ansteuern als unbelastete Blüten. Aber auch der Parasit Apocephalus borealis, der Klimawandel, falsche Ersatznahrung der Imker (bspw. high fructose corn syrup, HFCS), der massenweise Einsatz verschiedener Pestizide, durch Züchtung geschwächte und für Krankheiten dadurch anfälligere Bienen, transgene Pflanzen und Mobilfunk sind weitere Einflussfaktoren, die derzeit untersucht werden.

Gisela Paasch, Imkerin aus dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte: „Im Oktober 2016 fiel mir an drei von vier Standorten ein nie zuvor dagewesenes Bienensterben auf. Der Verlust liegt mittlerweile bei 60 % und die übrigen Völker sind teilweise recht schwach. An allen drei Standorten haben drei verschiedene Landwirte im Oktober bienengefährliche Mittel der Kategorie B1 und B2 der Bienenschutzverordnung ausgebracht – zur Bekämpfung der Blattlaus im Wintergetreide und im Raps. Die Biene befliegt den Honigtau der Blattlaus! Die Mittel hätten also auf gar keinen Fall angewendet werden dürfen! Kurz darauf fing dann das Bienensterben an. Die Bienen wurden vergiftet, das ist für mich die traurige Wahrheit. An einem anderen Standort, an dem keine Ackerflächen behandelt wurden, sind keine Bienen-Verluste zu beklagen! Die Biene ist ein Bio-Indikator und zeigt uns an, wie es um unsere Umwelt steht.“

Zuchtbienen, die fatal anfällig sind für Krankheiten, sorgen derzeit für ein unfassbares Risiko unserer modernen Agrarindustrie, denn sollten unsere Bienen eines Tages durch eine Virus-Epidemie aussterben, wird es gravierende Auswirkungen für die Menschen haben, die wir alle sofort unmittelbar spüren. Auch jene Menschen, die sich bislang nicht für Artenschutz interessieren. Und all die Problematiken, die wir vom Sterben der Bienen her kennen, treffen zumeist auch auf alle Insekten zu, die ebenfalls für Bestäubung sorgen. Dazu kommen die Auswirkungen auf Vögel und andere Tiere, deren Hauptnahrung aus Insekten bestehen. Die Ausmaße und Kettenwirkungen sind enorm. Forscher gehen davon aus, dass wir uns inmitten des größten Artensterbens der Erdgeschichte befinden.

Die Tierschutzpartei möchte dafür sorgen, dass es nicht dazu kommt, dass wir eines Tages keine Bestäuber unserer Pflanzenwelt mehr haben und dass die allgemeine Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen zurückgeht. Wir fordern ein umfassendes Artenschutzprogramm für Wildbienen, Schmetterlinge, Fische, Algen, Vögel und Meeressäuger und setzen uns für eine artenreiche Landwirtschaft mit einem deutlich reduzierten Anteil an monokultureller Agrarindustrie und ein Stopp giftiger Pestizide ein.

 

Linkliste zum Artikel:

Interview mit Dr. Mark Benecke: „Insekten und Amphibien sterben gerade aus!“

In Deutschland sterben viele Insektenarten aus (Badische Zeitung)

Unverzichtbar für Nahrungsversorgung: Bestäuberrückgang ist weltweites Problem (n-tv)

Bienenschwund: Viele Ursachen – viele Lösungsansätze (Die Debatte)

Bundesregierung bestätigt Insektensterben durch Intensivlandwirtschaft (TopAgrar)

Anleitung: Ein Hotel für Insekten bauen (NDR)

Gravierende Verluste bei Bienenvölkern erwartet (Deutsche Welle)

Immer mehr Beweise – Neonicotinoide verursachen chronische Effekte (3sat)

Studie: Insektensterben schreitet voran (NDR)

Alarmstufe Rot: Insektensterben stoppen (Bioökonomie)

Naturschützer fürchten Frühling ohne Schmetterlinge (Badische Zeitung)

Summen und Zirpen wird immer leiser (WDR)

Bestäuber in Bedrängnis (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung)

Insektensterben statt Bienentanz: Wissenschaftler fordern Sofortmaßnahmen gegen Artenschwund

Bienen in Schleswig-Holstein: ein aussterbendes Volk (NDR)

Schädlingsgift hat fatale Folgen für Wildbienen (Deutschlandfunk)

Pestizid-Risiko für Tiere größer als angenommen (Kronenzeitung)

Zehn Fakten zu Neonicotinoiden (Agrar heute)

Chemie in der Landwirtschaft: Pestizide bedrohen Tierwelt (SPIEGEL)

Neonicotinoide – Risiko für Wildbienen & Co. größer als angenommen

Biologische Vielfalt – Auf dem Feld verhundert (Der Tagesspiegel)

Viele Pestizide sind überflüssig (Süddeutsche Zeitung)

Jedes Jahr verschwinden bis zu 58.000 Tierarten (SPIEGEL)

Ist das Sterberegister der Natur außer Kontrolle? (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Weltweites Artensterben: Der Erde steht ein neues Massensterben bevor (Berliner Zeitung)

Pestizide und das Ende unserer Insekten (GEO)

Volk der Bienen: Quo vadis? (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Studie: Industrielle Landwirtschaft bringt Bienen den Tod (Euractiv)

Interview mit H.-J. Bauer vom Planck-Institut: „Die kleinen Vögel verhungern“ (DIE ZEIT)

Schlechte Aussichten für Weißstörche in MV (Hamburger Abendblatt)

Nahrung und Lebensraum fehlen: Zahl der Vögel geht stark zurück (Tagesschau)

Pestizide töten Vögel ([W] wie Wissen – ARD)

Deutscher Ordnungssinn: eine Naturkatastrophe (Outfox World)

Schmetterlinge gibt’s (fast) nicht mehr (Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung)

So sieht die Welt aus, wenn wir alle Insekten getötet haben (Quarks & Co.)

Pflanzenschutzmittel machen Bienen zu schaffen (Bayerischer Rundfunk)

Das globale Vogelsterben ist ein böses Vorzeichen (WELT)

Vogelsterben in Deutschland: „Die Situation der Vögel ist dramatisch“ (Wetter.de)

Insektensterben: Auf der Wiese wird es still (Bayerischer Rundfunk)

Umweltministerium warnt vor Insektensterben (SPIEGEL)

Bienen brauchen Fürsprache der Politik (inFranken)

Alarmierender Vogelschwund in Deutschland und Europa – Bundesregierung bestätigt Beobachtungen (NABU)

Neue Bienengifte kurz vor Zulassung (Umweltinstitut München)

Schleichende Katastrophe: Bis zu 80 % weniger Insekten in Deutschland (FAZ)

Prognose: Sterben die Bienen aus, sterben auch Menschen (WELT)

Das große Artensterben auf dem Land (WDR)

Erneut Amselsterben wegen Usutus-Virus (T-Online)

Mehr als nur Honig – warum wir Bienen brauchen – Was ist dran am Bienensterben? (die Debatte)

Die Welt ohne Insekten (Quarks & Co)

Agrargift zerstört Tiergedächtnis: Ursache für Sterben der Wildbienen geklärt (n-tv)

Der Erde steht ein sechstes Artensterben bevor (WELT)

Vogelsterben: Wir haben die moralische Pflicht Vögel ganzjährig zu füttern (WELT)

Faktencheck Insektensterben (WDR)