Klimaretterin Kuh?

Replik auf einen taz-Artikel von Dominik Baur

Die Produktion von Milch- und Molkereierzeugnissen zieht eine Kette an negativen Folgen mit sich, darüber besteht mittlerweile weitgehend Konsens in Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, Ökonomie und auch in der Landwirtschaft selbst.

Abgesehen von Umwelt- und Klimafolgen und dem Ausmaß an Leid, welches den Tieren in der Tierhaltung generell angetan wird, ist allein das fortwährende künstliche Erzeugen von Millionen Kälbern hochproblematisch. Denn: Ohne Kalb keine Milch!

Männliche Kälber werden ausschließlich aus dem Grund gemästet und noch im Kindesalter geschlachtet, weil Kuhmilch die Existenz eines Kalbs voraussetzt. Weibliche Kälber sehen dem gleichen Schicksal entgegen wie ihre Mütter. Milch- und Fleischwirtschaft sind produktionsmäßig nicht voneinander zu trennen, denn die Milchindustrie erzeugt ein Übermaß an Rindern.

Ein Artikel der taz verweist allerdings auf äußerst fragwürdige Thesen einiger Wissenschaftler:innen und Landwirt:innen, die davon ausgehen, dass die Kuh keine Klimasünderin, sondern eine Klimaretterin sei.

Im Wesentlich geht die Argumentation über den Boden, nämlich über Weidehaltung und Dünger. Dass dafür eine drastische Reduzierung des Tierbestands und eine komplette Umstellung der Haltungsform vonnöten wäre, ist für den Autor lediglich Beiwerk. Dabei ist genau dies noch der interessanteste Aspekt des Artikels. So erfährt man, dass etwa der Geflügelbestand um 99 % reduziert werden müsste, wenn man ausschließlich jene pflanzlichen Bestandteile als Futtermittel verwendete, die für den Menschen nicht genießbar seien, also bei der Nahrungsmittelerzeugung übrigblieben.

Der drastische Umbau der Tierhaltung müsste nun darauf abzielen, Rinder ausschließlich auf Weiden zu halten und nur noch mit frischem, eigens angebautem Gras im Sommer sowie mit Heu im Winter zu füttern. Dem Tierwohl würde das wohl dienen. Letztlich aber geht es ausschließlich darum, den Milchkonsum zu verteidigen – in einer Welt, die Tierhaltung aus ethischen und klimapolitischen Gründen immer stärker ablehnt.. Nur eben mittels einer Vision, wie er künftig weiterhin aufrecht zu erhalten wäre, in einer Welt, die Tierhaltung aus ethischen und klimapolitischen Gründen immer stärker ablehnt.

Und dafür werden die ganz großen Zusammenhänge bemüht, oder vielmehr konstruiert: Kuh und Grasland hätten sich vor über 30 Millionen Jahren synchron entwickelt. Die Kuh sei die Pflegerin der Grünlandschaft: Ohne Kuh kein Grasland und ohne Grasland keine Kuh. Dadurch trüge die Kuh wesentlich zur Artenvielfalt und zum Erhalt der Grünlandschaft bei und dient zudem als CO2-Senke. Das Methan, welches nebenbei von den Tieren ausgestoßen wird, müsse man halt hinnehmen. Im Gegensatz dazu würde ein Umbau der Wiesen und Weiden hin zu Äckern für den Anbau veganer Lebensmittel sehr viel CO2 freisetzen. Zudem seien alle Flächen, die sich als Acker eignen könnten, bereits Ackerland.

Ein beliebter Trick, der auch schon in wissenschaftsnahen Publikationen Eingang fand. Es wird suggeriert, dass zum Einen das Weideland natürlich und ein Optimum sei. Und zum Anderen dass Rinder existenziell mit dem Weideland verbunden wären. Beides ist natürlich falsch. Wo sich heute Acker- oder Weideland befindet, waren früher Wälder und Moore. Ein echter Beitrag zu Biodiversität und Klimaschutz wäre es, wenn wir wieder unberührte, weitflächige Mischwälder etablierten sowie die alten Moorgebiete wiedervernässten. Und natürlich könnten dort auch Wiederkäuer und andere große Tiere leben, denn das ist ihr Revier. „Nutz“tiere wie Rinder aber sind eine relativ neue „Erfindung“ des Menschen. Der prähistorische Rekurs, um Rinderhaltung auf Weiden als natürlich zu illustrieren, ist lediglich ein letzter verzweifelter Versuch der Agrarindustrie, Perspektivräume für ihre Fortexistenz in den gesellschaftlichen Diskurs zu werfen.

Der Artikel führt jedoch auch sachlich korrekte Dinge an; so fallen bei der Produktion von einem Kilogramm pflanzlicher Lebensmittel satte vier Kilogramm für den Menschen nicht essbare Biomasse an. Würde man diese Biomasse an die Tiere verfüttern, aus denen dann für den Menschen essbares Fleisch und trinkbare Milch werden können, könne man durch die sogenannten Nutztiere die vegane Basisproduktion verdoppeln, ohne dabei Nahrungskonkurrenz fürchten zu müssen. Klingt ad hoc eigentlich gar nicht so schlecht. Allerdings gibt es ein paar Dinge, die in diesem Szenario nicht bedacht werden und die Schlussfolgerungen somit fehl gehen:

Etwa elf Millionen Rinder werden in Deutschland gehalten, die Hälfte davon fristen ihr Dasein als sogenannte Milchkühe. Neun Kilogramm Rind isst der Durchschnittsdeutsche im Jahr, dazu kommen etwa 80 Kilogramm Milchprodukte. Selbst wenn der Milchkonsum in Deutschland weiter sinkt und weniger Rindfleisch gegessen wird, könnte sich die Weidehaltung à la taz-Artikel praktisch nicht durchsetzen. Dasselbe gilt für die kuhgebundene Kälberaufzucht, ein Haltungssystem, bei dem das Kalb nicht wie üblich von der Mutter gewaltsam getrennt und mit Milchaustauscher getränkt wird, sondern bei der Mutter säugt und in den ersten Monaten auch nicht von der Mutter entrissen wird. Knapp 150 Betriebe in Deutschland praktizieren derzeit dieses Haltungssystem zur Milchproduktion. Es ist eine teure Nische, die nicht geeignet ist, um den entsprechenden Bedarf zu decken. Pflanzliche Milch und Fleischersatzprodukte hingegen boomen! Es ist daher realistischer, eine Transformation hin zur komplett bio-veganen Landwirtschaft einzuleiten.

Ein weiteres Argument laut taz ist, dass man sozusagen nicht von einer Nahrungskonkurrenz sprechen könne, solange man ausschließlich Weide an die Tiere verfüttert, also Nahrung, die der Mensch nicht verwerten kann. Fakt ist allerdings, dass die leider qualvoll hochgezüchteten Milchkühe zum allergrößten Anteil mit Raps- und Sojaextraktionsschrot, Mais und Weizen gefüttert werden, wofür Regenwälder abgeholzt werden und wofür auch in Deutschland viel Ackerlandschaft benutzt werden muss. In Baden-Württemberg haben gerade einmal 20 bis 30 % aller Kühe Weidezugang in irgendeiner Form. Bei sehr guter Weidegras-Qualität und einer Weidezeit von durchschnittlich etwa 9,5 Stunden pro Tag könnten Milchleistungen von circa 25 Kg Milch erreicht werden, was zwar dem momentanen Standard in der Stall- oder Kombihaltung entspricht, jedoch wird es niemals genug Fläche geben für all diese Tiere, selbst wenn man den Tierbestand drastisch senken würde.

Insgesamt sind Konzepte und Szenarien darüber, wie man die sogenannte Milchkuhhaltung doch noch zukunftsfähig fortsetzen kann, wie beispielsweise die muttergebundene Kälberaufzucht und/oder Vollweidesysteme, nichts als Nischen, die niemals als Ersatz zum Standard werden können. Vollweidesysteme sind bei 11 Millionen Rindern in Deutschland schlichtweg nicht realisierbar. Ökonomisch eine Sackgasse.

Außerdem: es braucht gar keine sogenannte Nutztierhaltung zum Erhalt von Dauergrünland, so man dieses für schützenswert hält. Tiere können auch grasen, ohne wirtschaftlich ausgeschlachtet zu werden!

Biomasse, die für uns nicht essbar ist, die aber bei der Produktion rein pflanzlicher Nahrungsmittel entsteht, kann zudem anderweitig genutzt werden. Es für Tierfutter zu verschwenden, ist absolut nicht nötig. Grünland gilt zwar als einigermaßen gute CO2-Senke. Bevor wir uns allerdings Gedanken darüber machen, wie wir die Tierausbeutung länger erhalten könnten und dabei durch sinnlose Überlegungen versuchen, eine Art Schadensbegrenzung hinsichtlich der klimazerstörerischen Auswirkungen der antiquierten Milchkuhhaltung zu machen, sollten wir uns ethisch und technisch weiterentwickeln. Es gibt unzählige Möglichkeiten der CO2-Reduzierung, für Biodiversität, für tierleidfreie Ernährung. Verschwenden wir unsere knappen Ressourcen nicht weiter für traurige Sackgassen der menschlichen Ausbeutung von Natur und fühlenden Lebewesen!

Konsequenter Klimaschutz geht nur vegan. Wir brauchen massive und wirkungsvolle Förderprogramme um jetzt die Weichen dafür zu stellen, damit wir in Zukunft für unsere Nahrungsmittelsicherheit auf einer bio-veganen Landwirtschaft aufbauen zu können. In spätestens zehn Jahren wird es möglich sein, dass sich wichtige Nutzpflanzen selbst düngen können und in zehn Jahren wird auch Laborfleisch so weit entwickelt sein, dass es in Massen sowie ökologisch/ökonomisch produziert werden kann und somit marktreif wird.

Argumente darüber, dass die Landwirtschaft ohne tierischen Dünger nicht auskäme, sind mittlerweile weitestgehend widerlegt. Um die Pflanzen für ein optimales Wachstum mit den wichtigsten Nährstoffen Phosphor, Kalium und Stickstoff zu versorgen, gibt es beispielsweise die Möglichkeit der Vergärung von Leguminosen wie Kleegras in Biogasanlagen. Dieser Prozess ähnelt dem Vergärungsprozess im Verdauungstrakt von Rindern und liefert Stickstoff. Für die Bereitstellung von Kalium und Phosphor setzen schon heute Landwirt:innen, die auf bio-vegane Landwirtschaft umgestellt haben auf die Kompostierung von Ernteabfällen. Um den Boden fruchtbar zu erhalten, spielt zudem auch die Fruchtfolge eine zentrale Rolle innerhalb der bio-veganen Landwirtschaft. Hinzu kommt der bessere Bodenaufbau durch Humus, wodurch sehr viel CO2 gespeichert werden kann. Die bio-vegane Landwirtschaft stößt insgesamt weit weniger CO2 als jede Form der Tierhaltung aus.

Man darf nicht verdrängen, dass der Bereich Landwirtschaft/Landnutzung über 30 % der weltweiten Klimagase erzeugt. Insbesondere die Rinderhaltung hat hierbei einen sehr großen Anteil. Es gibt also wirklich sehr viel zu tun für die Politik. Wer sich mittels rhetorischer Kniffe, schiefer Vergleiche und Alternativrealitäten verliert, um einer antiquierten Tierausbeutung eine bessere Position in der gesellschaftlichen Verhandlung über künftige Landwirtschaftsausrichtung zu verschaffen, vergeudet seine Energie. Zulasten der Tiere, der Verbraucher:innen und kommender Generationen.

Egal wie wir es drehen und wenden: Tierproduktion hat keine, bio-vegane Landwirtschaft hat Zukunft.