Greenwashing Garage

Der NDR hat eine neue Sendereihe gestartet: „The Green Garage“ soll in verschiedenen Lebensbereichen Potenziale für bessere Klimabilanzen beleuchten. Doch gleich die erste Folge über Rinderhaltung erzeugte einen Proteststurm und ging mächtig in die Hose.

Geplant und angekündigt war, Expert:innen einzuladen, um Fakten zu besprechen. Doch unweigerlich hat man das Gefühl, dass vielmehr ein untaugliches Greenwashingprojekt durchgeführt wird.

Marianus von Hörsten ist Gastgeber und vermutlich wirklich daran interessiert, die Welt besser zu machen. Er stammt von einem niedersächsischen Demeter-Bauernhof. Demeter hat wiederum seine Ursprünge aus der Anthroposophie, die vom umstrittenen Rudolf Steiner gegründet wurde, der anfänglich rassistische und antisemitische Positionen einnahm. Ganz wesentlich für Demeter-Landwirtschaft ist, dass Tierhaltung aus quasireligiösen Gründen zur Landwirtschaft dazugehören muss. Mit allerlei Aberglauben und esoterischen Praktiken wird im wesentlichen unbeirrbar bis heute daran festgehalten.

Zudem hat Marianus von Hörsten etliche Kochwettbewerbe gewonnen und hat auch in anderen TV-Auftritten bereits Fleischzubereitung propagiert. Er kann sich offenbar weder von seiner ideologischen Heimat noch von seinen bisherigen beruflichen Erfolgen mental lossagen und sucht daher nach Wegen, um seine Biografie mit seinem ethischen Selbstanspruch, öko, progressiv und alternativ zu sein, zu vereinbaren.

Dabei kommen in seiner Sendung „The Green Garage“ unfassbare Aussagen zustande, die jeder Logik entbehren. So heißt es etwa, dass Kühe ja nicht als Klimakiller auf die Welt gekommen seien. Die Biomasse vor vielen Millionen Jahren hat sich aber auch nicht zu den heutigen fossilen Brennstoffen verwandelt, um Klimakiller zu werden. Und dennoch wollen wir doch hin zu regenerative Energien – statt weiterhin Erdöl, Erdgas, Braun- und Steinkohle zu verwenden!

In der Sendung wird dann krampfhaft versucht, einen Weg aufzuzeigen, wie man weiterhin Fleisch konsumieren und zugleich das Klima retten könne. Ein PR-Gag, der zuerst beim grünen EU-Abgeordneten und Rinderhalter Martin Häusling auffiel. Er gab sogar eine wissenschaftliche Studie in Auftrag, um die Milchwirtschaft als Retterin der Artenvielfalt und des Klimas darstellen zu können. Darin waren bereits etliche Suggestionen enthalten, die schlichtweg irreführend und manipulierend sind. So wurde verzweifelt versucht, die Entstehung der ertragreichen Schwarzerde mit der Rinderhaltung in Verbindung zu bringen. Eine Coevolution von Weiden, Landwirtschaft und Rindern, die natürlich und gut sei, wurde konstruiert.

Mit der prähistorischen Wirklichkeit und der aktuellen Situation hat das rein gar nichts zu tun. In einem Gespräch in Brüssel bestätigte Häusling übrigens, dass er sogar den Wald opfern würde, nur damit das Modell der Weide-Rinderhaltung sich durchsetzt. Grün ist das jedenfalls nicht und die Frage steht im Raum, wieso die grüne Partei auf solch Tierhaltungslobbyistentum setzt.

Die taz startete ebenfalls einen Versuch, die Tierausbeutung schönzureden, den wir bereits auseinandernahmen. Nein, Weidehaltung kann die derzeitige agrarindustrielle Tierhaltung nicht ersetzen. Nein, Weiden sind nicht das Nonplusultra für Biodiversität und Klimaschutz. Nein, die Umstellung auf Weidehaltung ist auch nicht ökonomisch sinnvoll. Die Umstellung auf vegane Landwirtschaft wäre klar günstiger und einfacher zu gestalten. Und für Klima sowie Biodiversität allemal besser. Worum es übrigens wirklich gehen sollte mittlerweile in den öffentlichen Debatten: die Umstellung auf biozyklisch-veganen Landbau.

Nun also der NDR. Und wieder das Märchen von der Coevolution von Weiden und Rindern und dass es gar ein Glück für Klima und Tiere wäre, wenn wir unbeschwert weiter Milch und Käse sowie Rindfleisch konsumieren. Vorgetragen von der Agrarwissenschaftlerin Anita Idel, die auch bereits die skandalöse Studie im Auftrag von Martin Häusling fabrizierte!

Warum ist das ganze im Effekt nur ein PR-Manöver der Agrarindustrie? Es führt dazu, dass das Image der blutigen, riskanten und zerstörerischen Tierhaltung aufpoliert wird. Denn was bleibt bei den Konsument:innen hängen nach solch einer Sendung? Dass es schon irgendwie ganz okay sei, ein Rindersteak zu kaufen oder zu McDonalds zu gehen. Leider funktioniert die Psyche der Menschen nunmal so. Das gewohnte Verhalten und die niederen Triebe werden vor sich selbst gerechtfertigt, kognitive Dissonanzen zwischen theoretischem Anspruch und tatsächlich erfolgter Handlung werden beseitigt. Da fühlt es sich so richtig an, wenn man neulich erfahren durfte, dass Kühe Klimaretterinnen seien…

Und perspektivisch geht es bei PR-Manövern darum, das Überleben einer Teilbranche im gesellschaftlichen Wandel zu sichern. In diesem Falle wäre es der Wandel weg von jeglicher Tierausbeutung.

Glücklicherweise gibt es nämlich immer mehr Menschen, die den Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Klimaschutz sowie Biodiversität erkennen. Tierethische Perspektiven nehmen ebenfalls immer weiter zu, wenngleich viel zu langsam. Denn täglich werden Millionen sogenannter „Nutz“tiere geschlachtet. Unter grausamsten Bedingungen werden sie gezüchtet, gemästet, transportiert und getötet.

Zugleich wird unfassbar viel Aufwand betrieben, Regenwald vernichtet und Landfläche vergeudet, um diese hochgezüchteten Tiere zu ernähren. Übrigens auch Weiderinder erhalten zusätzliches Kraftfutter. Alles komplett ineffizient und mit katastrophalen Folgen auch für die weltweite Ernährungslage, wie sich gerade jetzt in Kriegszeiten zeigt.

Studien gehen davon aus, dass der Bereich Landwirtschaft und Landnutzung für 34 % aller weltweiten Klimagase verantwortlich ist. Die älteren, niedrigeren Zahlen ergeben sich durch andere Berechnungsweisen und Prämissen und sollten nicht weiter verbreitet werden. Auch große Medien berichten verstärkt darüber, zuletzt der SPIEGEL in diesem Artikel. Da wirkt Marianus von Hörstens Sendung aus der Zeit gefallen!

Martin Müller, Betreiber der Website Landwirtschaft.Jetzt hat einen Faktencheck der NDR-Sendung zusammengestellt. Mit großem Dank an Martin Müller sind seine allgemeinen Richtigstellungen hier aufgeführt:

 

1. Behauptung: Methan sei 25 mal schädlicher als CO2

Richtig ist: Methan ist auf 12 Jahre gesehen mehr als 100 mal schädlicher als CO2. Quelle

 

2. Behauptung: Grasland sei ein erfolgreiches Ökosystem

Richtig ist: Das Grasland in Mitteleuropa und ist anthropogen und kann nur existieren, wenn es ständig begrast und gemäht wird. Das natürliche Ökosystem in Deutschland ist der Wald. Grasland würde sich innerhalb weniger Jahre durch Sukzession wieder in Wald verwandeln. Quelle

 

3. Behauptung: Durch das Begrasen würde das Graswachstum inklusive der Wurzeln derart gesteigert, dass es zu einer ständigen Netto-CO2-Sequestrierung über den Boden käme

Richtig ist: Das Begrasen führt zwar zu einer geringen Anregung des Pflanzenwachstums, aber bereits nach wenigen Jahren kann der Boden kein weiteres CO2 mehr aufnehmen und der Effekt tendiert gegen null. Ab dann wird genauso viel CO2 abgegeben, wie zuvor aufgenommen wurde. Diese Sättigung wird nach 30–70 Jahren erreicht, dürfte also bei unserem Weideland schon längst erreicht sein. Quelle (S. 42)

 

4. Behauptung: Grasland könne ausschließlich von Wiederkäuern genutzt werden

Richtig ist: Es stimmt, dass theoretisch die Nahrungsmittelproduktion erhöht werden könnte. Dies wäre aber bei einem rein pflanzlichen Ernährungssystem gar nicht erforderlich, denn die bestehenden Futtermitteläcker reichen mehr als aus, um alle Menschen satt zu bekommen. Alternative Nutzungen des Graslands sind Aufforstungen, Nutzungen für erneuerbare Energien (Solaranlagen, Windkraftanlagen), Wiedervernässung und Naturschutzgebiete. Quelle

 

5. Behauptung: Methan befände sich in einem Kreislauf und sei daher unschädlich

Richtig ist: Zunächst nimmt die Kuh Kohlenstoff über die Gräser auf. Bakterien bauen das Kohlenstoffatom in Methan ein, welches in die Atmosphäre gelangt und über komplexe Prozesse in CO2 abgebaut wird. Dann nehmen die Pflanzen das CO2 wieder auf. Das Problem ist: dieser Prozess dauert 12 Jahre und innerhalb dieser 12 Jahre ist Methan 100 mal schädlicher als wenn es nur das CO2 geben würde. Das Kohlenstoffatom befindet sich zwar in einem Kreislauf, die Umwandlung von CO2 in CH4 ist aber keineswegs neutral. Letztendlich wird CO2 durch CH4 ersetzt, und das dauerhaft, denn die Umwandlung durch die Kuh findet kontinuierlich statt. Quelle

 

6. Behauptung: Methan aus fossilen Energien sei schädlich, das Methan von Kühen aber nicht

Richtig ist: Methan ist gleichermaßen klimaschädlich, egal, ob aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe oder durch die Haltung von Kühen stammt. Methan baut sich zwar innerhalb von 12 Jahren ab, durch die Kühe wird aber ständig Methan emittiert, so dass ein Grundsockel bestehen bleibt mit entsprechend hohen Rückstrahlungswirkungen. Ohne Kühe würde dieser Grundsockel drastisch sinken und sich das Klima somit enorm abkühlen. Quelle 1, Quelle 2

 

7. Behauptung: Grasland-Böden würden mehr Kohlenstoff als Wälder speichern

Richtig ist: Zwar speichern Grasland-Böden mehr Kohlenstoff als die Wald-Böden, jedoch speichern Wälder oberirdisch enorm viel mehr Kohlenstoff über die Bäume. In der Summe speichern Wälder deutlich mehr Kohlenstoff als Graslandschaften. Diese haben ein weit höheres Sequestrationspotential, vor allem, wenn sie erst wachsen müssen (z.B. bei einer Aufforstung von Grasland), da sie dann den Sättigungsgrad erst nach 100–200 Jahren erreichen. Die Sequestrationsrate eines wachsenden Waldes liegt bei 7–21 Tonnen CO2 pro Jahr und Hektar und damit um den Faktor 4–11 höher, als bei noch nicht gesättigtem Grasland. Quelle 1 (S. 50), Quelle 2 (S. 20)

 

8. Behauptung: Wir bräuchten die Kühe für Dünger

Richtig ist: Bei den Tieren wird die Verdauung maßgeblich durch anaerobe Bakterien unterstützt. Viel sinnvoller ist es, wenn aerobe Bakterien die Umwandlung der Pflanzen in Dünger außerhalb von Tieren übernehmen, denn dann entsteht nicht das extrem klimaschädliche Methan. Diese innovativen Techniken werden z.B. bei der Gründüngung, beim Kompostieren und beim Humusaufbau angewandt. Als Ersatz für Stickstoff-Kunstdünger können Leguminosen genutzt werden, welche dann entweder geerntet oder als Gründünger, „Cut & Carry“-Bestandteil oder zum Kompostieren und zum Humusaufbau verwendet werden können. Quelle 1, Quelle 2

 

9. Behauptung: Kühe würden für Biodiversität sorgen

Richtig ist: Graslandschaften bieten höhere Biodiversität als Äcker. Jedoch haben die natürlichen Ökosysteme in Deutschland, nämlich Mischwälder, die höchste Biodiversität. Diese bieten weit mehr und viel unterschiedlichere Lebensräume. Quelle 1, Quelle 2

 

10. Behauptung: Biotierhaltung sei die Lösung

Richtig ist: Bio-Tierhaltung ist für die Biodiversität zwar etwas besser als konventionelle Tierhaltung, jedoch weit schlechter als das natürliche Ökosystem Wald, das es eigentlich zu vergleichen gilt. Für das Klima ist die Bio-Tierhaltung jedoch sogar schlechter als die Intensivtierhaltung. Aufgrund von durchschnittlich 90 % Energieverlusten bei der Umwandlung pflanzlicher Proteine und Nährstoffe in Fleisch, Milch und Eier verursachen tierische Produkte gegenüber gleichwertigen pflanzlichen Alternativen ein Vielfaches an schädlichen Stoffwechselprodukten, insbesondere Treibhausgasen. Quelle 1, Quelle 2 Diese biochemische Gesetzmäßigkeit lässt sich auch durch Bio-Tierhaltung nicht außer Kraft setzen. Vielmehr sind Tierprodukte aus Bio-Tierhaltung insgesamt ähnlich oder sogar klimaschädlicher als Tierprodukte aus konventioneller Intensivtierhaltung. Quelle 3
Die Gründe dafür sind:
a) Höherer Flächenbedarf für Futtermittelanbau und Weideland und damit höhere Emissionen aus Landnutzungsänderungen Quelle 4, Quelle 5
b) Geringere Erträge pro Tier
c) Höhere Methanemissionen bei Wiederkäuern aufgrund höherer Grünfutteranteile Quelle 6