Kaninchen

Text und Foto: Stefan B. Eck

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Über Kaninchen, Tierschützer und Politiker

Glänzende Augen, seidiges Fell, ein samtenes Näschen und wunderschöne lange, zarte Ohren. Neugierig sind sie, verspielt und meist zu Streichen aufgelegt und doch still und sehr behutsam. Der Mensch wird zuweilen auch der geliebte „Sozialpartner“, bei dem sie unentwegt Körperkontakt suchen, denn ihr Bedürfnis nach Geselligkeit und Zärtlichkeit ist riesengroß. Sie haben persönliche Vorlieben und Eigenheiten, sie sind emotionale Wesen mit einer ausgeprägten Fähigkeit, Freude, Glück, Angst, Trauer, Eifersucht und dergleichen mehr zu empfinden. Ich kenne sie gut, denn ich lebe seit mehr als 10 Jahren mit ihnen zusammen, mit diesen kleinen „Elfen“ und „Feen“, die durch meine Wohnung huschen und hüpfen. In vielen Märchen und Zeichentrickfilmen sind sie die cleveren, liebenswerten Helden. Vielleicht zählen sie deshalb bei uns zu einem der beliebtesten „Haustiere“. Aber ihre Brüder und Schwestern – die Mastkaninchen – landen als Braten auf dem Teller jener, bei denen die Liebe zum Tier eben Grenzen hat. Aber bevor sie in der Bratpfanne schmoren, erleiden sie ein wahres Martyrium.

Laut Aussagen des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz soll es angeblich rund 30 große „Tierfabriken“ in Deutschland geben, in denen die Kaninchen in Batterie-Käfig-Haltung, den so genannten Flatdecks, gehalten werden. Herumhoppeln, Hakenschlagen oder Buddeln wie in freier Natur ist den Tieren verwehrt. Die engen Käfige sind aus einem Metallgitter – ihre trostlose Welt, in der sie ihr ganzes Leben verbringen, ohne jemals das Licht der Sonne gesehen zu haben. Einstreu fehlt vollkommen. Die Folgen sind eiternde Wunden oder Sickerblutungen an den Läufen, weil die Gitterstäbe schmal sind, und dies zu Druckstellen und zum „Aufliegen“ führt. Drei bis sechs Mastkaninchen werden in einem Käfig gehalten, so dass jedem Tier nur eine Fläche von 0,08 Quadratmeter zur Verfügung steht, also nicht viel mehr als eine DIN-A4-Seite. Die Enge führt dazu, dass die Kaninchen sich nicht gleichzeitig ausstrecken können. Bei einer Käfighöhe von nur 35 Zentimetern ist ein Aufrichten zur vollen Größe auch unmöglich. Verkrümmungen der Wirbelsäule sind die Folge. Der Bewegungsmangel verursacht tödliche Langeweile, die zu lebensbedrohlichem Stress führt. An den Gitterstäben blutig geknabberte Münder und offene Wunden durch Beißereien kommen neben Verhaltensstörungen, wie stereotype Bewegungsabläufe, Selbstverstümmelungen und sogar Kannibalismus, häufig vor.

Die geruchsempfindlichen Tiere sind beißenden Ammoniak- und Schwefeloxid-Ausdünstungen durch Urin und Kot permanent ausgesetzt; es kommt zu Verätzungen der Schleimhäute und Netzhäute. Knochenbrüche sind nicht selten, weil das Skelettwachstum mit der unnatürlich schnellen Gewichtszunahme nicht mehr Schritt halten kann. Daneben treten Stoffwechselstörungen durch das einseitige Kraftfutter auf, den so genannten Pellets. Unter diesen tierquälerischen Haltungsbedingungen sind „Ausfälle“ von bis zu 50 Prozent nicht ungewöhnlich – trotzt der vorbeugend im Futter verabreichten Kokzidiostatika und Antibiotika gegen Darmerkrankungen und sonstige Infektionskrankheiten.

Am Ende erwartet sie ein qualvoller Tod: Rund ein Drittel der Kaninchen soll nur halb betäubt oder gar nicht betäubt unter die automatischen Schlachtmesser geraten und dabei grauenvoll verstümmelt werden.

Vergessen!

Obwohl diese Haltungsbedingungen nicht minder tierquälerisch sind als bei „Legehennen“, blieb – abgesehen von vereinzelten Protesten und Aktionen – eine große, bundesweite Kampagne, ähnlich wie für die Abschaffung der Batterie-Käfig-Haltung bei Legehennen, aus.

Ich kenne Tierschützer, die Alarm schlagen, wenn es um das Leben einiger „Hundis“ jenseits des Hindukuschs geht, die aber von den katastrophalen Lebensbedingungen der Mastkaninchen nichts wissen wollen. Ich habe Tierrechtler getroffen, die mit einer penetranten Gelassenheit über das traurige Dasein dieser Tiere jahrelang hinweggesehen haben, weil sich ihre Agenda auf „Legehennen“ und „Tierschutz im Grundgesetz“ beschränkte. Die große Strategie hatte Vorrang … und die „Langohren“ wurden vergessen.

Verraten!

Das „tierliebe“ Deutschland hat es bisher nicht geschafft, spezielle gesetzliche Vorschriften für die Kaninchenmast zu erlassen, obwohl die tierquälerische kommerzielle Haltungsart von Experten seit Jahren als nicht „artgemäß und tiergerecht“ beurteilt wird. Bereits im Jahre 2000 schwadronierte Herr Poesch vom Landwirtschaftsministerium, dass man bereits daran sei, „spezielle Haltungsvorschriften mit hohen tierschutzrechtlichen Anforderungen“ auszuarbeiten.

Spricht man heute die politisch Verantwortlichen an, wird mit der gleichen Sprachregelung wie damals – ein Gutachten sei in Auftrag gegeben – geantwortet. Es ist also bis heute nichts geschehen, denn der „Polit-Elite“ geht es in erster Linie um Machterhalt und den Fleischproduzierenden um die Verhinderung von kostspieligen Verbesserungen in der Nutztierhaltung. Sie drohen mit Verlegung der „Produktion“ ins Ausland und mit ihren Wählerstimmen. Und die Regierung knickt ein!

Verkauft!

Laut Statistischem Bundesamt werden in Deutschland rund 41.000 Tonnen Kaninchenfleisch pro Jahr konsumiert. Dies bedeutet, dass jährlich etwa 30 Millionen dieser possierlichen Tiere für den Gaumenkitzel unserer deutschen „Mitmenschen“ ihr Leben lassen. Noch Mitte der 90er Jahre waren es 0,3 Kilogramm, heute isst im Durchschnitt jeder Bundesbürger 0,5 Kilogramm Kaninchenfleisch pro Jahr. Dem „Seehofer-Ministerium“ sind nur ein knappes Dutzend Unternehmen bekannt, die sich auf Mastkaninchen spezialisiert haben. 15 weitere Betriebe sollen die Mast als Nebenerwerb betreiben. Das Ministerium geht davon aus, dass etwa 60 Prozent des angebotenen Kaninchenfleisches von Hobby- und Rassekaninchenzüchtern stammt. Das entspräche mehr als 15 Millionen Kaninchen. Aus logistischen Gründen und auf Grund der strengen Vorschriften für die Produktion von Nahrungsmitteln sind berechtigte Zweifel angebracht, ob es sich tatsächlich nur um Hobby-Züchter handelt oder nicht etwa um mittelgroße landwirtschaftliche „Nebenbetriebe“. Nur 20 Prozent des Kaninchenfleisches stamme – eine kaum glaubhafte Behauptung des Ministeriums – aus der „Intensivhaltung“. Die restlichen 20 Prozent des konsumierten Kaninchenfleisches werden aus EU-Ländern importiert. Aus China sollen rund 2000 Tonnen stammen, als größter außereuropäischer Importeur.

Im April 2007 wurden Undercover-Aufnahmen von „Vier Pfoten“ über die europaweiten Missstände in der Mastkaninchen-Haltung in Österreich und in Deutschland (mit Filmmaterial des Deutschen Tierschutzbüros) von mehreren Fernsehanstalten kurz hintereinander gesendet. Große Tageszeitungen berichteten in der Folgezeit ebenfalls über die aufgedeckte Tierquälerei. Die „Allianz für Tierrechte“ startete wenige Tage danach eine groß angelegte Online-Kampagne, mit der Zigtausende E-Mails an die politisch Verantwortlichen (Merkel, Seehofer, Köhler, die Ministerpräsidenten der Länder, die Parteien etc.), die Veterinärämter und die Lebensmittelkonzerne versendet wurden (Stand bei Redaktionsschluss: 125.000 versendete E-Mails). Zusätzlich wurde eine Petition beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eingereicht. Der Rewe-Konzern stoppte in Österreich und in Deutschland den Verkauf von frischem Kaninchenfleisch und Tiefkühlware. Dies gilt auch für die zu dem Konzern gehörenden Märkte Toom, Penny und Karstadt-Feinkost. In Österreich haben Spar und Adeg sich dem Verkaufsstopp angeschlossen. Ebenso haben Edeka, COOP, familia und Kaiser’s Tengelmann Kaninchenfleisch aus ihrem Sortiment genommen. Globus-Holding, Kaufland sowie Real verkaufen es jedoch weiterhin!

„Die Linke“ spielt mit dem Gedanken, einen Antrag im Bundestag einzubringen und auf EU-Ebene die Erarbeitung einer Haltungsempfehlung zu beschleunigen. Zu hoffen bleibt, dass das Herz von Oskar Lafontaine nicht nur links schlägt, so wie er dies in seinem autobiografischen Buch „Mein Herz schlägt links“ bekennt, sondern, dass es auch für die Tiere schlägt und die guten Vorsätze der Linkspartei auch durchgeführt werden.

Und was sagt unsere „tierliebe Regierung“ dazu?

Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Gerd Müller von der CSU im Bundestag am 26. April 2007 – wohl bemerkt nach den TV-Dokumentationen, nach den Presse-Berichten und nach Tausenden E-Mails der „Allianz für Tierrechte“:

„Es liegen meinem Haus keine Informationen vor, wonach in der Kaninchenhaltung pauschal von Missständen gesprochen werden kann. Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beabsichtigt, spezifische rechtliche Regelungen für die Mastkaninchenhaltung zu erlassen.“

Fazit:

Wenn sich eine Regierung nach all den vorliegenden Fakten so äußert, ist es entweder bodenlose Dummheit oder impertinente Dreistigkeit. Oder beides! Wie dem auch sei, sie hat damit ihre Glaubwürdigkeit – was Moral und Kompetenz betrifft – verloren. Damit ist diese Regierung für uns Tierrechtler/Innen wendgültig untragbar geworden. Für mich bedeutet dies, noch härter als bisher für eine politische Veränderung zu kämpfen – nicht zuletzt für diese wunderschönen Tiere mit ihrem seidigen Fell und ihren langen, zarten Ohren …