Briefkastenfirmen und Finanzspekulationen dienen der Verschleierung und Ermöglichung von Krieg, Ausbeutung und Korruption

„Jenseits des Kapitalismus“

Der Landesvorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern Robert Gabel nahm an einer internationalen Konferenz zur Kapitalismuskritik teil und plädiert für eine solidarische Wirtschaft im praktischen Alltag.

Gibt es Alternativen zum Wirtschaftssystem der Ausbeutung und Krisen? Im Februar fand zu dieser hochaktuellen Frage eine viertägige wissenschaftliche Konferenz in Wuppertal, dem Geburtsort Friedrich Engels und des deutschen Industriekapitalismus, statt. In das Gästehaus der Universität lud das „Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit“ zum Austausch über aktuelle Befunde zum globalen Kapitalismus und zur Erörtungen der Chancen und Wirkungen von Alternativen.

Kinderarbeit Textilproduktion

ausbeuterische und mörderische Kinderarbeit zu Zeiten von Friedrich Engels

Zum Befund: der Industriekapitalismus aus Engels Zeiten, der geprägt war von Kinderarbeit, bitterster Armut ohne Sozialsysteme und ausbeuterischer Reichtumsanhäufung der Besitzenden, ist nicht vorbei, sondern hat sich lediglich verlagert in die Entwicklungsländer! Dort werden für die reichen Kunden der Welt unter gefährlichen und tödlichen Bedingungen Textilien hergestellt, Seltene Erden für unsere Laptops und Handys sowie andere Rohstoffe für unsere Luxusartikel mit fatalen Folgen für die Umwelt gefördert. Die Regenwälder werden fern von unseren Augen gerodet und das industrielle Produkt in Form von Tierfutter oder Palmöl importiert und für uns als billige Nahrungsmittel mittels Werbestrategien schmackhaft gemacht. Berechnungen zufolge bräuchten wir mehrere Erden, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Das unendliche Leiden, die Zerstörung von Umwelt, Menschen- und Tierleben ist die Basis unseres luxuriösen Lebensstils, aber wir schaffen uns mehr und mehr eine Wohlstands- und Zufriedenheitsblase, in der wir uns einreden können, dass dies alles so gottgegeben sei und uns zustehen würde. So sind wir in der globalen Perspektive die Fortsetzung der kapitalistischen Ausbeuter von damals!

Es gibt aber auch eine neuere Sorte Kapitalismus, die uns mehr berührt. Das ist der Finanzmarkt-Kapitalismus, der alle paar Jahre die Schlagzeilen unserer Medien bestimmt. Finanzkrisen gibt es zwar schon länger, Marx und Engels beschäftigten sich bereits mit ihnen, aber die Ausmaße nehmen immer weiter zu und die Lösungsansätze erscheinen zunehmend aussichtsloser. Die Staatsverschuldungen und Sozialisierungskosten der Finanzkrisen steigen unaufhörlich an, die Steueroasen, Briefkastenfirmen und Finanzmarktwetten der Superreichen garantieren zwar, dass selbst die größten Krisen noch ihre Gewinner haben. Aber jede Finanzkrise erzeugt für die normale Durchschnittsbevölkerung überall, ob in den USA, Europa oder Afrika, Opfer: ja sogar Todesopfer lassen sich als Folge errechnen, wenn man Krisenfolgen wie Budgetkürzungen im Gesundheitswesen oder Massenarbeitslosigkeit betrachtet oder sinkende Qualitätsstandards im Umwelt- und Tierschutzbereich.

Kinderarbeit Bangladesh Kinderrechte Kinderhandel Kinderrechtskonvention

Kinderarbeit heute in den Entwicklungsländern

Der Befund ist also klar, so sind sich die Teilnehmer – darunter international namhafte Wissenschaftler wie Colin Crouch, Wolfgang Streeck, Maeve Cook, Cinzia Arruzza, Claus Offe, Lutz Wingert, Hauke Brunkhorst, Smail Rapic, Hans-Christoph Binswanger und Peter Imbusch – der Konferenz „Jenseits des Kapitalismus“ einig (Artikel 1 | Artikel 2 | Artikel 3). Schwieriger ist die Erörterung der Alternativen zum bestehenden System der Ausbeutung und Ignoranz. Was tun?

Im September 2015 fand der ebenfalls viertägige „Kongress Solidarische Ökonomie und Transformation“ in Berlin statt, der sich vor allem den praktischen Lösungen verschrieb.

Im September 2015 fand zudem auch eine offene Diskussion in Greifswald mit dem Autor und Kapitalismuskritiker Fabian Scheidler über den Zusammenhang und die historische Dimension von Geld, Macht und Herrschaft statt, bei der die Lösungsstrategien für künftiges Wirtschaften kontrovers auseinandergenommen wurden. Ich nahm an diesen drei Veranstaltungen aktiv teil und gelange zur Einschätzung, dass mehrere Ansätze sich letztlich ergänzen müssen:

1. die entblößende und schonungslose Analyse des Kapitalismus in seinem gesamten Kontext

2. politische und gesellschaftliche Aufklärung und Information über Strategien der Minderung von Leid, Risiken und Schäden in Bezug auf Menschen, Umwelt und Tiere

3. aktives Einbringen in konkrete Alternativen, Vorbild sein, andere Menschen inspirieren, Netzwerke aufbauen und den eigenen Lebensstil Schritt für Schritt mit Anderen zusammen umstellen.

Was kann getan werden, womit kann jeder von uns direkt anfangen? Friedrich Engels war damals auch selbst ein Kapitalist, aber er sah das Elend, schloss nicht die Augen und wollte den gesellschaftlichen Wandel. Auch wir können heute in einer kapitalistischen Welt den Wandel wollen und selbst der Wandel sein! Und wir werden es nicht zulassen, dass Alternativen zum Kapitalismus im Staatskapitalismus enden, so wie die Analysen von Marx und Engels damals von skrupellosen Diktatoren missbraucht wurden. Wir fangen anders an, lassen uns nicht missbrauchen und starten im Alltag und bei uns selbst – für einen echten Wandel! Ein Wandel, der offen ist für Diskussionen, Lernprozesse, Kritik, Demokratie, Innovation und qualitatives Wachstum. Wir brauchen ein Laboratorium der Ideen und Erfahrungen von unten. Daher habe ich eine Liste der praktischen Alternativen für jeden von uns erstellt, da das dringende Umdenken und Umlenken eine individuelle Aufgabe ist und wir nicht darauf hoffen können, dass sich Systeme von sich heraus ändern. Die 30 Punkte-Liste für den solidarischen Wandel:

1. Alternative Finanzierungsinstrumente nutzen (Social/Community/Eco Banking)

2. Solidarische Landwirtschaftsprojekte („SoLaWi“), Gemeinschaftsgärten, lokale Lebensmittel

3. Produkte aus dem direkten Fairtrade-Handel (mit hohem und geprüftem Fairtradeanteil)

4. Alternative Gewerkschaften/Arbeitnehmervereinigungen/Syndikate unterstützen

5. Alternative/lokale Energiewirtschaft nutzen; lokale Energieerzeugerverbünde gründen

6. Tierrechtsbewegungen supporten, Ortsgruppen gründen, aktiv werden

7. Subsistenzwirtschaftsprojekte in Entwicklungsländern unterstützen

8. Solidarische Wohnprojekte und Communities gründen

9. Divestment: keine Umweltverschmutzung, kein Tierleid, keine Ausbeutung, keine Waffen!

10. Share Economy: faires Nutzen statt Besitzen / Einkauf-Koops gründen und nutzen

11. Lebensmittel retten (privates/organisiertes Foodsharing oder Containern)

12. Unternehmen in Genossenschaften und Kollektive umwandeln

13. (vegane) Volksküchen unterstützen, bei ihnen mithelfen

14. Konsumverhalten anpassen durch gezieltes Informieren über die Anbieter

15. Commons-Ökonomie/Peerconomy kennenlernen, nutzen und weiterverbreiten!

16. über Postwachstum- und Degrowth-Konzepte informieren

17. Geflüchteten bei der Integration helfen, internationale Solidarität vorleben

18. Reparaturläden nutzen oder gründen, Nein zur Obsoleszenz! („cradle to cradle“)

19. der Ausbeutung und Erschöpfung durch Teilzeitarbeit entgehen

20. kommunalpolitisch aktiv werden, vor Ort Gutes tun, Etablierung von „Transition Towns“ initiieren

21. Rad fahren und ÖPNV nutzen statt Auto fahren

22. Einführung von Gemeinwohlökonomie-Bilanzen beim Arbeitgeber anstoßen

23. mehr Geben (statt Kaufen und Tauschen)

24. an Übersichtskarten/Infos von alternativer/solidarischer Ökonomie mitarbeiten

25. sparsam leben, Suffizienzgedanken fördern, Ressourcen schonen

26. an Demos teilnehmen, mit großen Plakaten und Transparenten, Politisierung stärken

27. Müllsammelaktionen in Wäldern und Parks, an Seen und Flüssen durchführen, Plastik vermeiden

28. Open Source und Freeware nutzen und unterstützen

29. bio-vegan, fair, lokal einkaufen

30. Patenschaften übernehmen (für Kinder, Tiere, Gebäude etc.), Tiertafeln einrichten

 

Text von Robert Gabel