Manifest: Worum geht es der internationalen tierschutzpolitischen Bewegung?

Wenn Sie diesen Text lesen, dann hatten Sie ihn sicherlich bereits: den einen Moment, in dem man mit all der Tierquälerei und Naturzerstörung, die man früher wie selbstverständlich hingenommen hatte, nichts mehr zu tun haben will. Der Moment, in dem man eine Art Offenbarung, jedoch durch und durch diesseitig, erlebt. Weil man einem fühlenden Wesen niemals mit eigener Hand solche schrecklichen Leiden antun würde und die einzig richtige Konsequenz daher nur sein kann, dass man so etwas auch nicht für Bezahlung in Auftrag geben kann. Der Moment, in dem man sich die Frage stellt, wie man den Verzehr von Fleisch, Butter, Käse, Eiern, den Konsum von Leder, Daunen, Pelz zuvor als normal ansehen konnte.

Denn mit etwas Interesse an der Welt hätte man doch schon vorher wissen können, dass die Schlachthöfe sehr oft ohne wirksame Betäubung die Tiere bei vollem Bewusstsein zerlegen, weil die Akkordarbeit nichts anderes zulässt. Wie konnte uns nicht bewusst sein, dass die männlichen Küken ohne den allergeringsten Respekt vor ihrem Leben sofort nach dem Schlüpfen brutal getötet werden, weil sie keine Eier legen können. Und auch,  dass viele Tiere absichtlich ohne Betäubung amputiert und kastriert werden wegen ein paar Cents, die man dadurch pro „Ware“ mehr verdienen kann. Man hätte doch wissen können, dass unfassbar viel Regenwald samt aller darin lebenden Tiere abgebrannt und unwiederbringlich zerstört wird für die weltweite Fleischversorgung.  Man hätte schon viel früher entsetzt darüber sein können, dass Tiere für die Produktion von Leder, Wolle, Eier, Fleisch, Pelz oder auch für Tierversuche in wenigen Quadratzentimetern kleinen Käfigen gehalten werden, wo sie wie hektisch hin und her rennen, krank und verrückt werden, sich gegenseitig verletzen – und am Ende wird auch noch ein Drittel aller aus ihnen hergestellten „Waren“ achtlos in den Müll geworfen.

Einem einzelnen Tier würde man all das niemals antun, dem eigenen Haustier schon gar nicht. Aber jeden Tag werden viele Millionen (!) sogenannter „Nutz“tiere gequält und getötet. Es sind Abermilliarden, eine unvorstellbare Menge, die in den Jahren industrieller Tierausbeutung zusammen kam, wobei die Meerestiere leider viel zu oft nicht einmal Berücksichtigung finden. Doch auch sie spüren Schmerz und ihre Anzahl nimmt drastisch ab, die Ozeane und Flüsse sterben aus, auch durch ständig neue Umweltgifte.

Tyrannei der 0,01 %

Das Ausmaß des menschlichen Eingriffs in die Natur wird anschaulich, wenn man die Verteilung der Biomasse bei den Landwirbeltieren betrachtet: 32 % sind Menschen, 65 % sind „Nutz“tiere und lediglich 3 % sind noch in der Natur lebende Wildtiere! Zählt man allerdings jedes Individuum, macht der Mensch nur eine erstaunlich kleine Minderheit aus, die über den restlichen Planeten eine brutale Herrschaft errichtet hat: nur 0,01 % Menschen herrschen tyrannisch über die 99,99 % Tiere!

Die Tiere sind wehrlos, namenlos, stimmlos. Weder die Politik, noch die Wirtschaft vertreten ihre Interessen. Sogar viele Umweltschutzorganisation oder gar Tierschutzverbände kümmern sich nicht um das Leiden in der Tierhaltung, sondern veranstalten Grillfeste mit Schweinen am Spieß! Echter Tierschutz, also veganer Tierrechtsaktivismus, ist immer noch eine Herzensangelegenheit, für den dieser oben beschriebene Moment ausschlaggebend ist, damit man etwas verändert. Dieser Moment, in dem man mit seiner Seele teil hat am Schmerz der Tiere, an dem Ausgeliefertsein des Individuums, der Ohnmacht gegenüber dem ganzen System. Eine Bekannte von mir hatte diesen Moment, als sie kleine Schweinchen, Babys noch, eingeschweißt in Plastikfolie in einer Supermarkt-Tiefkühltruhe sah. Ein anderer hatte diesen Moment, wie viele zigtausende andere Menschen auch, bei einem Video von Tierrechtlern, die die unvorstellbare Grausamkeiten in der Massentierhaltung aufdeckten. Manche brauchen auch zwei Momente, wenn sie etwa einen Artikel über die Fleischproduktion lesen und sich danach einfach mal ganz dinglich anschauen, was genau das „Produkt“ eigentlich ist. Es ist nämlich etwa gar kein Hähnchendöner, den man da anschaut. Nein, es sind Leichenteile! Man sieht es plötzlich sehr genau, so intensiv wie nie zuvor. Sehnen, Haut, Fett, Muskeln. Fleisch, keine Ware, keine Nahrung, sondern aus demselben Stoff gemacht, aus dem man auch selbst besteht, bis ins einzelne Molekül und den Aufbau unserer Schmerzrezeptoren, Spiegelneuronen und für Emotionen zuständigen Botenstoffe.

Dieses Stück „Ware“ war einmal Leben! Ein Lebewesen, das atmete, das dachte, das fühlte, das leben wollte. Das Huhn würde man niemals grob anfassen, geschweige denn verletzen oder gar töten. Man würde wissen, dass es einen eigenen Charakter besitzt, würde ihm vielleicht einen Namen geben. Und es würde wahrscheinlich sogar auf seinen Namen hören, wenn man es ruft. Sobald es aber in Einzelteile zerlegt ist und einen Preis hat, sobald es für ein paar Sekunden Geschmack auf der Zunge sein Leben hingeben musste, ist es kein individuelles Huhn mehr, und man denkt nicht mehr daran, seine Individualität und seinen Willen zum Leben zu respektieren. Dann scheint auch die Tötung nichts Böses mehr, sondern ein „normaler“ industrieller Vorgang, der täglich millionenfach vonstattengeht. Eben dieser Widerspruch eröffnet sich in jenem Moment, der offenbart, dass etwas gewaltig schief läuft und dass es gemessen an der Monstrosität doch sehr einfach ist, diese Gewalt nicht mehr länger zu unterstützen.

Tierrechte mainstreamen

Aber wieso bedarf es dieses Momentes erst? Oft wird gesagt, weil der Mensch halt schon immer Fleisch gegessen hat, weil er es braucht, weil es nun mal natürlich sei. Tierquälerei, aber auch Krieg, Sklaverei und Mord, gab es in der Tat schon immer. Aber irgendwann kann man nicht mehr sagen, das habe „die Natur“ so eingerichtet. Oder ist der Einsatz von Atombomben noch mit der leider auch aggressiven „Natur“ des Menschen erklärbar? Nein – denn dieser Einsatz zerstört die Menschheit und die Natur. Und da kommen wir an den Punkt, der die Situation des intimen Moments, in dem man erkennt, wie grundfalsch unser Umgang mit den Tieren ist, über das subjektive Verständnis hinaushebt, ihn quasi objektiviert: den geschichtlichen Wendepunkt, der das Verständnis für Tierrechte zum Mainstream machen kann:

Die aktuelle Massentierhaltung, die Tierqualindustrie, zerstört unseren Planeten! Sie ist verantwortlich für gewaltige Naturzerstörungen, für die Befeuerung des Klimawandels, für das Aussterben unzähliger Tierarten, für Risiken multiresistenter Keime und todbringender Seuchen! Die meisten Antibiotika werden in der Tierhaltung verwendet, nicht für Menschen. Unser Umgang mit den Tieren muss sich grundsätzlich ändern. Unsere egoistische Gier nach ein paar Sekunden Geschmack auf der Zunge darf nicht länger dazu führen, dass wir unsere eigene Lebensgrundlage kaputt machen!

Wenn wir diese dringende Botschaft weitertragen, die Medien, Unternehmen und Politiker dies erkennen, dann gibt es eine Chance, Tierrechte Wirklichkeit werden zu lassen! Dafür müssen die sich derzeit weltweit gründenden Tierschutzparteien aber auch professionell auftreten und die Interdependenzen aller Politikbereiche aufzeigen. Wer gegen Gewalt ist, ist sowohl gegen Krieg als auch gegen Tierquälerei. Wer sich für Gerechtigkeit stark macht, der macht sich sowohl für Menschenrechte als auch für Tierrechte stark. Wer unseren Planeten retten will, muss auch Tiere retten wollen.

Tierschutzpolitik ist das neue Grün, wurde bereits getitelt und wenn man ehrlich ist: da ist auch etwas dran. Wir sind ökologischer als die Grünen, aber auch sozialer als die Sozialdemokraten und progressiver als die Linken. Ja, wir sind sogar konsequenter für die Freiheit als die Liberalen, denn wir erweitern den Freiheitsbegriff ganz wesentlich um die Freiheit des Tieres und wir sind konservativer als die Christdemokraten, denn wir wollen die Erde als unseren lebenswerten Planeten für kommende Generationen erhalten.

Nur von den Nationalisten, Antisemiten, Rassisten und Faschisten allerdings grenzen wir uns ganz klar ab, denn mit ihnen haben wir, die internationale tierschutzpolitische Bewegung, nichts gemein. Wir würden unsere Chancen verspielen, die Politik von der Dringlichkeit unserer Anliegen zu überzeugen, wenn wir uns auf deren Sprache, auf deren Hetze, auf Ausgrenzung und Menschenhass einließen. Weder wir noch die Tiere brauchen etwa Holocaustvergleiche, um das unvorstellbare Ausmaß der Gräuel zu beschreiben, oder Fremdenfeindlichkeit, um auf Tierquälerei hinzuweisen. Keinem Tier wäre geholfen, wenn man die Würde von Menschen verletzte, das Andenken an menschliches Leid mit Füßen träte, die Mahnung vor den Abgründen menschlicher Geschichte nicht ernst nähme. Keinem Tier wäre geholfen, wenn Menschen sich noch stärker hassen und bekriegen würden; im Gegenteil. Es führt auch zu nichts, Menschen- und Tierrechte gegeneinander auszuspielen, denn beide haben die dieselbe Wurzel und bedingen einander, und innovative Lösungen lassen sich forcieren, wenn man die alte Prämisse des Entweder-Oder überwindet. Es braucht auch keinen moralischen Zeigefinger und keine arrogante Besserwisserei, um auf die gegenseitigen Abhängigkeiten und die gleichberechtigten Interessen von Mensch, Umwelt und Tier hinzuweisen, denn die Fakten, die wir anführen müssen, sprechen für sich selbst. Und sie beschreiben ein globales Problem, das nicht vor Grenzen haltmacht, nicht nach Religionen unterscheidet und sich nicht an der Kaufkraft orientiert: wir müssen die Zerstörung und Missachtung unserer Umwelt endlich stoppen, müssen die Risiken, Schäden und Leiden der Tierqualindustrie so schnell wie möglich beenden, müssen den Zusammenhang zwischen dem Wohl von uns Menschen und dem Wohl der Tiere begreifen.

Eine solidarische und globale tierschutzpolitische Bewegung, die sich vernetzt, professionalisiert, sich etwas traut, Mandate auf allen Ebenen gewissenhaft ausübt, friedlich protestiert, die Wahrheit immer wieder anspricht, kompetentes Fachwissen zeigt, sich ständig weiterbildet – eine solche Bewegung wird die Politik verändern! Ohne den Druck einer solchen Bewegung werden die anderen Parteien unsere Ansätze nicht aus sich selbst heraus übernehmen, da deren innerparteilichen Machtkonstellationen für ehrlichen Tierschutz keinen Raum lassen. Und auch wer für sich selbst zum Schluss kommt, dass Veganismus und umfassende Tierrechte keine persönlichen und keine gesellschaftlichen Optionen sein können, wird dennoch einen weiten Teil des Weges mit uns zusammen errichten und gemeinsam gehen, da nur so ein gerechtes Maß an ehrlichem Tierschutz überhaupt realisiert werden kann. Die ethischen Überlegungen werden sich gewiss ändern, weiter entwickeln und zu dynamischeren Ergebnissen als heute vorhersehbar führen, aber wir sind die Lokomotive.

Notwendiger Paradigmenwechsel

Wir werden Handlungsfähigkeit und Druck auf die gesamte politische Bühne bringen müssen und so die Axiome verschieben können. Hin zu einer Politik des Mitgefühls, die sich am zentralen Leitwert orientiert, keinem Lebewesen Schaden zuzufügen. So etwas hat es noch nie zuvor gegeben. Aber dieser Paradigmenwechsel ist im Menschen angelegt, als das Potenzial, das sich immer wieder im Einzelnen zeigt; wir haben nämlich die Fähigkeit zu lieben, empathisch zu sein, zu beschützen und unsere Gier im Zaum zu halten. So wie wir andererseits leider auch in der Lage sind zu hassen, zu quälen und zu töten. Eben diese dunkle Seite der menschlichen Natur hat uns, insbesondere auf der politischen Ebene, nah an den Punkt gebracht, an dem durch das rasanteste Artensterben der Erdgeschichte, durch Klimawandel und Krankheiten, durch Brandrodungen und durch Vermüllung der Natur das Leben, wie wir es kennen, auf unserer Erde erlischt.

Hören wir also nicht mehr länger auf die dunkle Seite in uns, sondern beginnen, in der Natur und in jedem einzelnen Leben etwas wunderbares, liebenswertes und zu Bewahrendes zu erkennen! Das Vermögen, das sich etwa dann entfaltet, wenn zwei Menschen, zwei Lebewesen sich tief in die Augen schauen, miteinander kommunizieren, Mitgefühl füreinander entwickeln, muss nun auch ins generell gesellschaftliche Bewusstsein transportiert, als politischer Stil etabliert werden und so den Epochenwandel für Mensch, Umwelt und Tier einläuten! Mitgefühl ist, so wie Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit es schon länger sind, eine Methode, politische Prioritäten zu setzen, Entscheidungen zu fällen, Werte zu entwickeln. Wer sich in Empathie übt, wird bewusster, besser und umfassender entscheiden können, wird auch künftige Generationen und Schwächere berücksichtigen. Eine Politik, die die Liebe zum Leben so ehrlich und ernst meint, ist neu – aber ihre Zeit ist nun angebrochen. Dafür ist die internationale tierschutzpolitische Bewegung da. Dies ist der Anspruch, an dem sie gemessen werden kann, ihr Versprechen, ihr Motiv und ihr Streben: Mitgefühl zum Maßstab für unser Zusammenleben zu erheben.

(Robert Gabel)