Was ist dran an „Tierliebe und Menschenhass“ im politischen Tierschutz?

Als Partei, die deutlich links der Mitte positioniert ist, unterstützen wir selbstverständlich jede Arbeit gegen Rassismus, Antisemitismus, Faschismus und Diskriminierung jeglicher Form. Daher ist auch Mira Landwehrs Engagement gegen menschenfeindliche Tendenzen in der veganen Tierrechtsbewegung sehr lobenswert. Wie auch Colin Goldner bereits seufzend feststellte, ist ihr aktuelles Buchprojekt „Vier Beine gut, zwei Beine schlecht“ allerdings nicht optimal verlaufen. Eher sogar kontraproduktiv. Wer wichtige Themen aufgreift und dann zum Angriff bläst, muss gut planen, vorausdenken und sich informieren, ja zuweilen das Übel gar empathisch erfassen: wie tickt es, was treibt es an, welche internen Konflikte hat es, was ist dessen Ziel, wie kann ich es so packen, dass das – in aller Regel hochdiverse und strukturell verankerte – Übel adäquat erfasst und effektiv bekämpft werden kann…? Läuft man aber einfach nur Sturm mit Gebrüll, fehlt also das strategische Feingefühl und die Liebe fürs Detail, ist das ehrenwerte Vorhaben mitunter nur Futter für den Feind.

Es ist allgemein bekannt, dass es in jeder Partei und in jeder Szene Menschen gibt, die empfänglich für rechte Propaganda sind oder gar selbst ganz bewusst solche betreiben. Dieser Anteil liegt bei Jagd-, Fleisch- oder AfD-Anhängern sicherlich höher als bei Tierrechtlern, Veganern oder Grünen-Wählern. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, auch in eher linksprogressiven Kreisen Aufklärung zu betreiben und gegen rechte Tendenzen jeglicher Form vorzugehen. Insbesondere seit es Facebook und Youtube gibt, kennt auch jeder das Phänomen, dass man sich über den eigenen Bekanntenkreis seit einigen Jahren stark wundern kann; wer damals in der Uni noch als linksalternativ galt, teilt neuerdings „alternative“ Fakten, an Weihnachten erzählt die Tante seltsame Erkenntnisse über die „BRD“ und gibt als Quelle „steht im Internet“ an. Es ist wichtig, hier in die vertiefte Debatte zu gehen, gefährliche Entwicklungen aufzudecken und wirksame Kommunikationsstrategien zu erarbeiten.

Die Partei Mensch Umwelt Tierschutz durfte reichlich Erfahrungen sammeln und geht aktiv gegen politisch gefährliche Fehlentwicklungen an. Gern hätten wir der „inkonsequenten Veganerin“ Mira Landwehr nützliche Hinweise gegeben und sie bei ihrer Arbeit unterstützt. Da sie ein hochpolitisches Buch geschrieben hat, sollte sie auch die Parteipolitik näher betrachten und insbesondere sich auch mit ihr austauschen. Aber ihre ohne jegliche Recherchearbeit vorgenommenen Seitenstöße gegen unsere Partei lassen vermuten, dass sie sich leider gar nicht für die machtpolitische Ebene der Tierrechtsbewegung interessiert. Bereits 2017 bezeichnete sie uns in ihrem Blog als „rechtsoffene Partei Mensch Umwelt Tierschutz (MUT)“. Weder ist „MUT“ unsere Abkürzung, noch ist es hilfreich, die damals weit verbreitete Verwendung der Phrase „rechtsoffen“ für unsere Partei ohne jegliche weitere Einordnung oder Erklärung zu verwenden. Es ist einfach nur übernommen worden ohne jede Prüfung. Ebenfalls 2017 zitiert sie aus einem Artikel der Jungle World, in dem unser früherer Bundesvorsitzender mit der Aussage wiedergegeben wird, „viele“ unserer Mitglieder seien „weder rechts noch links“. Die damaligen Hinweise, dass dies auch eine Parole der rechten Szene sein kann, waren natürlich richtig und wichtig. Aber gerade Horst Wester hatte den Kampf gegen Rechts aufrichtig und kraftvoll geführt und wollte mit diesen Worten einen eher kleinen Teil unserer Mitgliederschaft beschreiben, der sich wenig für die klassischen politischen Themen, sondern nur für Umwelt- und Tierschutz interessiert. Mit einer politischen Verortung hatte es eben gerade nichts zu tun. Eher mit einer Aufgabe, der wir uns seit langem verpflichtet fühlen: aufzuzeigen, dass Menschenrechte, Friedenspolitik, soziale Gerechtigkeit sowie Klimapolitik, Umweltschutz und Tierrechte eng miteinander zu tun haben, niemals gegeneinander ausgespielt werden dürfen und sich gegenseitig bedingen. Diese Aufgabe wiederum ist eine wichtige Funktion in unserer Demokratie, die wir ernst nehmen.

Kommen wir zurück zu Mira Landwehrs aktueller Buchveröffentlichung. Darin heißt es:

Ernährung und Tierschutz stehen dabei bisweilen derart im Zentrum des politischen Handelns, dass Formen der Menschenverachtung beiläufig ignoriert werden. Als beispielsweise der Vorsitzende der Partei Mensch Umwelt Tierschutz seinen bescheidenen Erfolg bei der Europawahl mit einem Milchkaffee feiert, drängt die Szene auf dessen Ausschluss: „Es ist bezeichnend, dass die Aufregung sich um eine Tasse Kaffee mit Milch drehte, während in der gleichen Diskussion das rechte Gedankengut führender, inzwischen teils ehemaliger Mitglieder der Tierschutzpartei sowie deren Allianzen beziehungsweise personelle Überschneidungen mit AfD, Freien Wählern, Republikanern und NPD und die mangelhafte Aufarbeitung durch die Partei eher am Rande abgehandelt und überwiegend abgewehrt wurden.“ (Quelle: Belltower News)

Auch hier wieder Unstimmigkeiten in den Details: weder handelte es sich um unseren Vorsitzenden, noch wurde irgendwas gefeiert. Es ging um unseren EU-Abgeordneten, für den ein Journalist einen Kaffee während eines Interviews bestellte. Mit Kuhmilch statt mit der üblichen Soja- oder Hafermilch. Mira Landwehr hatte offenbar die Facebook-Diskussionen in den einschlägigen Veganer-Gruppen mitgelesen. Da der Wahlerfolg alles andere als „bescheiden“ war, sondern 542.000 Stimmen zusammen kamen, sind die etwa 20 Forderungen nach „Ausschluss“ zwar ernst zu nehmen. Aber um eine „Szene“ oder gar die Partei samt WählerInnen zu charakterisieren, ist das nicht tauglich. Aber darum geht es auch nicht. Denn Mira Landwehr konstruiert nun einen Zusammenhang zum „rechten Gedankengut“, das sie – geschickt formuliert – immerhin vornehmlich nicht innerhalb der Partei verortet. Und dass „die Szene“ angebliche personelle Überschneidungen mit AfD & Co. beiseite wischen würde. Mangelnde Aufarbeitung darf natürlich auch nicht fehlen, ohne dass sie darstellen könnte, warum es daran mangeln sollte. Dass diejenigen, die den „Ausschluss“ fordern, nicht die gleichen Personen sind, die etwas „am Rande abgehandelt“ haben sollen, verschweigt sie völlig. Und dass unrichtige Behauptungen über unsere Partei natürlich korrigiert werden oder eben Gegenwehr erfahren, und somit letztlich kontraproduktiv sind, ist ja insgesamt in Bezug auf Tierrechtler das Problem des gesamten Buchprojekts von Mira Landwehr. So, wie sie das nicht zu erkennen vermag in den Diskussionen der Facebook-Gruppen, so erschließt es sich ihr auch offenbar nicht bei ihrem großen Anliegen, ist zu befürchten.

Was sind nun die falschen Behauptungen, die sie nicht als falsch erkennt, sondern als Tatsachen hinnimmt? Die Partei Mensch Umwelt Tierschutz – in ihrem Buch nun endlich mit der korrekten Kurzbezeichnung Tierschutzpartei – hat keinerlei Allianzen mit rechtem Gedankengut. Sie hatte aber mal für einige Monate auf lokaler Ebene eine gemeinsame Fraktion mit Freien Wählern, deren Geschäftsführer ein Piratenpartei-Mitglied war, der im Zentrum der Kritik stand. Diese „Allianz“ hatte sich als politisch falsch herausgestellt und wurde nach kurzer und intensiver Diskussion durch den Bundesvorstand beendet. Die Tierschutzpartei-Mitglieder, die diese Entscheidung nicht mit trugen, gründeten daraufhin eine konkurrierende Partei, die Tierschutzliste, die sich mittlerweile wählertäuschend „Aktion Partei für Tierschutz – Das Original“ nennt. Dies soll offenbar absichtlich der Diskreditierung des politischen Tierschutz dienen und wir gehen gegen die beabsichtigte Verwechslungsgefahr auch juristisch vor. Und seit gewisser Zeit wird die eigentliche politische Heimat der GründerInnen auch offenbart. Aber die Existenz dieser Liste beweist doch eben gerade das Gegenteil dessen, was Mira Landwehr suggerieren will:

  1. Die Personen innerhalb des politischen Tierschutzes, die rechten Ansätzen nahe stehen, entstammen bei genauer Betrachtung nahezu vollständig eben gerade nicht der Tierrechtsbewegung (mitunter aber dem klassischen Tierschutz, was leider oft nicht differenziert wird). Sie kommen von extern und haben hidden agendas. Vor ihnen zu warnen ist wichtig, was aber nicht funktioniert, wenn man die Tierrechtsbewegung gegen sich aufbringt durch falsche Vorwürfe und Unterstellungen. Veganer und Tierrechtler haben klare und linksprogressive Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft und von zukunftsorientierten Lösungen, so dass man sie mittlerweile in die politische Landschaft fest einbauen sollte, statt sie mit Unterwanderungen und Unterwanderungsvorwürfen zu bekämpfen.
  2. Die mit Abstand bedeutendste politische Kraft innerhalb des politischen Tierschutzes – die Partei Mensch Umwelt Tierschutz – ist gegen die versuchte Unterwanderung von rechts vorgegangen und ist traditionell seit ihrer Gründung politisch deutlich links der Mitte positioniert. Sie setzt sich gegen Rassismus, Antisemitismus, Faschismus, Diskriminierung jeglicher Form und für Menschenrechte, Völkerverständigung, die gleiche Würde aller Menschen sowie globale und progressive Lösungen ein. Die Partei Mensch Umwelt Tierschutz lehnt selbstverständlich sowohl Holocaustvergleiche und -relativierungen als auch sämtliche Menschen herabwürdigende Formulierungen strikt ab.

Gern bieten wir Mira Landwehr ein thematisch vertiefendes Gespräch an und auch weiterhin wird sich die Partei Mensch Umwelt Tierschutz deutlich gegen Worte und Taten engagieren, die die Freiheit und Würde von Menschen und das friedliche Miteinander Aller gefährden. Gerade weil nur so gewährleistet ist, dass sich eine Gesellschaft wirkungsvoll um Klima, Umwelt und Tiere kümmern kann. Gerade weil die Tierrechtsbewegung historisch engstens verknüpft ist mit dem Einsatz für Menschenrechte, Emanzipation, Freiheit und Gerechtigkeit und von linksprogressiven Ansätzen nicht zu trennen ist. Gerade weil eine Politik, die Mitgefühl als zentralen Wert hat, auch wirklich integer und authentisch genau diesen Wert in jeder Situation und jeder Hinsicht vertreten muss. Nichts ist doch klarer als das.

 

Liste der Verlinkungen:
https://www.tierschutzpartei.de/partei-mensch-umwelt-tierschutz-im-parteiengefuege/
https://hpd.de/artikel/rassismus-antisemitismus-und-menschenhass-veganen-tierrechtsbewegung-17548
https://www.tierschutzpartei.de/vorsicht-vor-rechtsradikalen-tierschuetzern/
https://www.tierschutzpartei.de/stellungnahme-bundesvorstand-tierschutzpartei-distanziert-sich-von-torsten-lemmer/
https://www.tierschutzpartei.de/wenn-journalisten-gegen-den-pressekodex-verstossen/
https://www.tierschutzpartei.de/mensch/gegen-jeden-antisemitismus/
https://www.tierschutzpartei.de/mensch/menschen-und-buergerrechte/
https://www.tierschutzpartei.de/distanzierung-von-roger-hallam/
https://veganinfo.blog/2019/02/12/brown-dog-riots/